Herr Ausdemov ist mein inneres Gegenüber, mein männliches Alter Ego. Er ist ein wichtiges Mitglied meines Inneren Teams seit Jahrzehnten. Wir sind uns also einigermaßen bekannt. Er ist mein imaginärer Gesprächspartner, mein Liebling, mein Hassobjekt, mein Punchingball, mein Mülleimer, mein härtester Gegner, mein Kuschelmuschel. Unsere Dialoge sind imaginär, haben jedoch meistens einen realen Aufhänger im Außen. Herr Ausdemov zieht übrigens das v dem doppelten f vor, weil es so etwas adliger klänge. Das sagt eine Menge über seine Weltsicht und seine Haltung zum Leben und zu mir aus.

Die Gespräche mit den anderen Wesen sind zum Teil Zusammenfassungen aus realen Gesprächen in den sozialen Netzwerken und zum anderen Teil direkt von dort hier hinein kopiert.

Warum das alles? Weil es mir Spaß macht und weil es dir, der Leserin/dem Leser, vielleicht Freude und Anregung sein könnte.

„Rules are overrated“


„Ich hasse es, wenn der Drucker mir sagt, er sei nicht da. Und ich werde kirre, wenn er behauptet, er hätte keine Tinte mehr und mir dann beim Schütteln der Patrone eben diese durch ganze Zimmer spritzt. Ebenso bringt es mich an den Rand des Irrsinns, wenn ich alle Druckaufträge lösche und er dann nach Stunden auf einmal völlig wahllos mittendrin irgendwelche Seiten quasi kichernd raus rotzt. Wir beide haben heute eindeutig ein Kommunikationsproblem. Ich schmeiße ihn jetzt an die Wand!“

„Frau Müller, Frauuuuu Müüüüüller! Jetzt kommen Sie mal runter. Es ist kurz vor sechs und Sie kruscheln jetzt seit ner Stunde schon lauthals hier rum. Was ist eigentlich los? Worum geht es denn?“

„Der Drucker…“

„Stopp! Darum geht es doch nicht wirklich, oder?“

Frau Müller wandert schweigend kreisend im Zimmer rum.

„Also?“

„Saba hat seinen Kampf in Petersburg gewonnen.“

„Das ist doch gut!“

„Nein, ist es nicht. Er hat ihn gewonnen, nachdem dieser Idiot von Gegner ihm einen Soccer Kick verpasst hat. An den Kopf. Einfach so. Während er noch kniete. Regelwidrig. Unfair. Bekloppt. Der wurde dafür dann sofort disqualifiziert. So ein Arsch, so ein verdammter!“

„Nun, damit muss man in diesem Sport wohl rechnen. Gehört wohl dazu. Weiß man, wenn man sich darauf einlässt.“

„Blablabla. Er ist mein Sohn. Unterkieferbruch. Das ist kein Spaziergang. Ich darf wütend sein. Ich darf mir Sorgen machen. Das ist mein Recht!“

„Ja, dürfen Sie. Aber hören Sie auf, sich an dem armen Drucker auszutoben.“

„Na gut, dann streit ich mich jetzt halt mit Ihnen.“

„Wenn es sein muss, gerne. Kaffee?“

„Ja. Bitte. Und bringen sie die Küchenrolle mit. Ich muss jetzt mal ne Runde heulen.“

„Aber, aber, es wird alles gut! Streiten Sie sich bitte mit mir, ich kann es nicht aushalten, wenn Sie weinen.“

„Ich weine nicht, ich heule. Das ist ein echter Qualitätsunterschied.“

Quer


„Die ganzen ausländischen Frauen nehmen doch den deutschen Frauen die eh schon zu wenigen Plätze in den Frauenhäusern weg!“

„Ach?“

„Die ausländischen Männer sind eben brutal gegen ihre Frauen.“

„Die meisten deutschen Frauen sind doch immer noch mit deutschen Männern verheiratet, oder?“

„Ja natürlich. Und das ist auch gut so!“

„Und warum brauchen die dann die Plätze in den Frauenhäusern?“

Darf man das sagen?


„Sie dürfen doch das Tun von jemandem nicht durch vulgäre Wortwahl ab/bewerten!“

„Doch, manchmal schon. Reguliert meine Sozialverträglichkeit und innere Gesundheit aufs Beste. Jedes andere Verhalten meinerseits wäre, als Reaktion auf Unsägliches, sonst von strafrechtlicher Relevanz oder eine mutwillige Selbstverletzung.“

Zeit


„Ich arbeite so viel, denn mein Kind soll es später mal besser haben als ich es hatte!“

„Ja, das verstehe ich. Du arbeitest jetzt so viel und so viele Stunden, damit es dem kleinen Kerl später besser gehen wird, als es dir als kleines Kind erginge.“

„Ja, genau deshalb!“

„Erzähl mir von dem kleinen Kind, dem es damals so gar nicht gut ging.“

„Wir waren eigentlich nicht richtig arm und hatten eine angemessene Wohnung. Mein Vater hat als Hausverwalter gearbeitet und meine Mutter als Sekretärin. Ich war dann oft alleine zu Hause und wenn meine Eltern da waren, dann waren sie meistens müde und erschöpft. Es gab auch oft Streit. Ich habe mich dann ganz tief unterm Bett versteckt und leise geweint. Es ging mir nicht gut“

„Es ging dem kleinen Kind nicht gut. Was denkst du denn, was hätte es sich denn mehr als alles andere in der Welt gewünscht? Was hätte ihm denn geholfen glücklicher zu sein?“

„Ach, das ist ganz einfach: Mehr Zeit mit den Eltern. Mehr zusammen spielen und lachen. Geschichten erzählen, mittags ab und an zusammen essen, spazieren gehen. Einfach viel, viel mehr Zeit zusammen sein.“

„Ja, das verstehe ich. Und du arbeitest jetzt so viel und so viele Stunden, damit es dem kleinen Kerl später besser gehen wird, als es dir als kleines Kind erginge.“

Bohrer


„Was schauen Sie denn so grimmig, Frau Müller?“

„Ich versuche ein blödes Bett auseinander zu montieren, damit es woanders aufgebaut werden kann. Das dumme Ding jedoch widersetzt sich mir hartnäckig. Irgendwo habe ich einen Denkfehler drin, oder stehe auf der Leitung.“

„Soll ich Ihnen helfen?“

„Wagen Sie es nur nicht!“

„Ich wollte nur helfen.“

„Ach, und nebenbei beweisen, dass Sie schlauer, stärker, irgendwas sind? Immer dieses Machogehabe!“

„Aber…“

„Nix aber. Sie gehen jetzt in den Keller und holen mir sämtliche Werkzeugkisten rauf und dann lassen Sie mich in Ruhe mit dem Bett kommunizieren. Wir einigen uns schon.“

„Manchmal sind Sie aber schon sehr verbohrt, Frau Müller!“

„Bohrer?! Stimmt, damit kann man ja auch schrauben. Bringen Sie den auch noch aus dem Keller mit. Mit allen Aufsätzen. Sehen Sie, ich wusste doch, dass ich etwas übersehen hatte.“