Herr Ausdemov ist mein inneres Gegenüber, mein männliches Alter Ego. Er ist ein wichtiges Mitglied meines Inneren Teams seit Jahrzehnten. Wir sind uns also einigermaßen bekannt. Er ist mein imaginärer Gesprächspartner, mein Liebling, mein Hassobjekt, mein Punchingball, mein Mülleimer, mein härtester Gegner, mein Kuschelmuschel. Unsere Dialoge sind imaginär, haben jedoch meistens einen realen Aufhänger im Außen. Herr Ausdemov zieht übrigens das v dem doppelten f vor, weil es so etwas adliger klänge. Das sagt eine Menge über seine Weltsicht und seine Haltung zum Leben und zu mir aus.

Die Gespräche mit den anderen Wesen sind zum Teil Zusammenfassungen aus realen Gesprächen in den sozialen Netzwerken und zum anderen Teil direkt von dort hier hinein kopiert.

Warum das alles? Weil es mir Spaß macht und weil es dir, der Leserin/dem Leser, vielleicht Freude und Anregung sein könnte.

Aliens

„Glauben Sie an außerirdisches Leben?“

„Nöh.“

„Aber, wenn es welches gäbe, dann… .“

„Dann würden die mal kurz durch unsere Geschichte rasen und ratzfatz unser Sonnensystem pulverisieren. Da das noch nicht geschehen ist, gehe ich weiterhin davon aus, dass es Aliens nicht gibt.“

„Na, Sie sind ja heute mies drauf!“

„Stimmt. Ich könnte mich ein wenig mäßigen.“

„Das wäre erfreulich!“

„Nicht das ganze Sonnensystem, nur den Systemfehler Mensch.“

„Entwickeln Sie sich gerade zur Misanthropin?“

„Nein. Ein Reset der Menschheitsgeschichte fände ich allerdings erfrischend. Alles auf Null und nochmal ganz von vorne. Immer wieder. Bis der Mensch dem Menschen endlich ein Freund ist.“

„Wie kommt man nur auf so krude Gedanken?“

„Indem man einmal durch die Nachrichten der letzten zwei Wochen schlurft und es zulässt, dass das eigene Gehirn dazu jeweils Bilder und/oder kleine Filmchen abspult. Mord, Totschlag, Korruption, Elend, Hass, Hunger, Dummheit, Sadismus, Wahnsinn, Gier, Egoismus, Krieg, Soziopathie, Ausbeutung, Narzissmus, Gewalt, Lügen, Völkermord, Folter, und, und, und. Es fällt schwer, den positiven Blick auf sich und die Menschheit dann nicht zu verlieren.“

„Was kann man tun?“

„Sich aufrappeln. Den Blick zurückfahren und das nähere Umfeld in den Fokus nehmen. Dem Trotzalledem mehr Aufmerksamkeit schenken. Denn da waren auch und sind immer noch Güte, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Nächstenliebe, Solidarität, Zärtlichkeit, Miteinander, Achtsamkeit, Veränderungswillen, Großzügigkeit, Liebe, Verständnis, Standhaftigkeit, Verantwortungsübernahme, Empathie, und, und, und. Die Waagschale ist noch nicht gänzlich unausgeglichen und die Aliens, wenn es sie denn gäbe, bekommen den Stinkefinger gezeigt.“

„Darauf einen Kaffee, Frau Müller!“

Parteiarbeit


„Ich kenne ja Ihre kurzfristigen Erlebnisse bei den Grauen Panthern. Waren Sie eigentlich vorher auch schon mal in einer Partei, Frau Müller?“

„Ich bin ein seltsam gestricktes Wesen und hatte im Laufe meines Lebens komische Glaubenssätze. Neben anderen Erfahrungen, in unterschiedlichen außerparlamentarischen Gruppen, Verbänden, Parteien, gab es einmal einen kurzen Augenblick in meinen jungen Jahren, da war ich Mitglied in einer Partei, für die ich mich gerne stark gemacht hätte. Nach einer gemeinsam durchgetanzten Nacht hatte ich jedoch ein für mich ausgesprochen feines sexuelles Erlebnis mit dem Vorsitzenden. Danach steigerte er sich vor Angst, dass es seine Frau erfahren könnte, in einen panischen Eiertanz hinein. Niemand sollte, dürfte etwas davon erfahren. Auch wegen seiner Reputation innerhalb der Partei und im Öffentlichen sei absolutes Schweigen meinerseits angesagt. Der hat mich verrückt gemacht mit seiner Panik. Sorry, sowas ging mit mir nicht. Man war erwachsen, hatte Verantwortung und sollte wissen, was man tut und dafür grade stehen. Ich wollte gar nichts weiter von ihm. Es war ein gutes, einmaliges Erlebnis, sonst nichts. Hätte er vorher angesagt, dass er eine Frau habe, die explizit auf Treue bestand und dass er deshalb nicht wolle – prima, alles gut. Aber, mitnehmen und dann einen Affentanz aufführen? Ich konnte ihm nichts mehr glauben, ihn nicht mehr ernst nehmen. Da er seine Frau mit einer derartigen Lässigkeit belügen konnte und wollte, war er auch politisch für mich durch. Er machte Karriere in der Partei und ich bin raus aus diesem Kuddelmuddel.“

„Sie können doch nicht ein privates Erlebnis zur Grundlage einer politischen Aktivität Ihrerseits machen!“

„Doch, konnte ich.“

„Sie hätten genauso gut Ihre Zweifel an seiner persönlichen Integrität offen thematisieren können. Dann hätte es zwar ein paar Scherben gegeben, aber es wäre reinigend gewesen.“

„Das stimmt. Heute würde ich mich völlig anders verhalten. Aber damals war ich jung, euphorisch idealistisch und geprägt durch den Satz, dass alles, wirklich alles politisch sei und es keinen Widerspruch zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen geben dürfte. Er war einer meiner damaligen politischen Helden und er stellte sich für mich als armseliges Arschloch heraus.“

„Und was würden Sie heute anders machen? Würden Sie sofort offen darüber reden?“

„Heute weiß ich durch Erfahrungen so viel mehr. Meine Auswahlkriterien für ein One-Night-Stand haben sich sehr verfeinert. Er würde gar nicht mehr in die engere Wahl kommen. Es gäbe also nichts zu thematisieren. Und würde doch einmal so jemand wie er durchs Raster fallen, dann würde ich wohl eher zuerst mit seiner Frau reden.“

„Und was ist heute mit Parteiarbeit? Es liegen ja genügend Anfragen vor.“

„Haben Sie etwa an meinem Schreibtisch rumgeschnüffelt?“

„Nein, aber ich habe für Sie in den letzten Tagen den Telefondienst gemacht und da ergab sich so das eine oder andere Gespräch.“

„Ein für alle Mal: Halten Sie sich aus meinen Angelegenheiten raus! Sie dürfen mich für eine Weile begleiten, mit mir essen und ab und an gemütliche Stunden teilen. Alles andere ist meine Sache. Und, da Sie nun schon fragten, ich bin für Entscheidungsstrukturen und Hierarchien in Parteien schlichtweg nicht tauglich. Ich könnte zum Beispiel niemals, auch nicht öffentlich, meinen Mund halten, wenn ich in einem Punkte anderer Meinung als die Partei wäre. Ich könnte niemals bedingungslos loyal sein für eine Partei. Das kann ich nur für einzelne Menschen sein. Nene, ich bin da nicht kompatibel.“

„Aber…“

„Nichts aber. Wir werden jetzt fertig zu Mittag essen und dieses Thema ökologisch wertvoll in der Biotonne entsorgen.“

Raus!


„Du kannst doch die Menschen nicht einfach in Länder abschieben, in denen ihnen Not, Elend und der Tod droht!“

„Das sind doch zum größten Teil Verbrecher. Schmeißt alle raus, die sich nicht an unsere christlichen Werte und unsere Gesetze halten!“

"Na gut, wenn du es so willst: Schmeißt sie alle raus, die da ihre Partner und Kinder schlagen und vergewaltigen; schmeißt alle raus, die sich an Kinderpornografie ergötzen; schmeißt alle raus, die meinen mit Hass und Gewalt könne man Probleme lösen; schmeißt alle Rassisten, Fanatiker und Brandstifter raus; jagt sie weg, die billigend in Kauf nehmen, dass an ihren billigen Klamotten Kinderblut klebt; schmeißt sie raus, die in FlatratePuffs die Menschenwürde in Grund und Boden ficken; schmeißt sie raus, die sich selber selbst nur am nächsten sind. Schmeißt die raus, die die Opfer von Fanatismus, Machtkämpfe, Krieg und Vertreibung zu den neuen Tätern erklären. Schmeißt alle raus, die Menschen- und Kinderrechte mit Füßen treten. Jagt sie fort, die die Werte von Menschlichkeit und Menschenwürde permanent missachten! Raus damit! Sie sind, jeder einzelne, eine Gefahr für ihre Mitmenschen!"

"Ähm, Frau Müller, Sie haben da etwas missverstanden. Die, die Sie meinen, meinte ich nicht.“

„Ach?!“

Valentinstag


The same procedure as every year:


„Warum bist du denn so sauer?“

„Es ist Valentinstag.“

„Und?“

„Ich mach mir da ja nix draus.“

„Und?

„Aber, jetzt ist es schon halb zwei und der Kerl hat weder angerufen, noch Blumen geschickt!“

„Aber, du hast doch gerade gesagt, du machst dir nichts draus.“

„Mach ich mir ja auch nicht.“

„Aber sauer bist du trotzdem?“

„Ja! Total!“

„Na ja, vielleicht kommen die Blumen ja noch.“

„Ne, bestimmt nicht, ich habe ihm ja gesagt, ich will das nicht. Weil, ich mir da ja nichts draus mache.“

„Und warum bist du dann jetzt sauer?“

„Er hätte ja trotzdem. Weil man das eben so macht.“

„Aber.“

„Du willst mich nicht verstehen, oder?“

„Ich gebe mir Mühe, aber.“

„Danke, jetzt bin ich richtig abgenervt. Nicht mal meine beste Freundin will mich verstehen. Toller Tag.“

Morgendliche Lektüre


„Was machen Sie da, Frau Müller?“

„Ich lese die neuesten Meldungen durch.“

„Sie haben aber die Augen geschlossen!“

„Macht nichts, der Informationsgehalt bleibt sich gleich.“