Herr Ausdemov ist mein inneres Gegenüber, mein männliches Alter Ego. Er ist ein wichtiges Mitglied meines Inneren Teams seit Jahrzehnten. Wir sind uns also einigermaßen bekannt. Er ist mein imaginärer Gesprächspartner, mein Liebling, mein Hassobjekt, mein Punchingball, mein Mülleimer, mein härtester Gegner, mein Kuschelmuschel. Unsere Dialoge sind imaginär, haben jedoch meistens einen realen Aufhänger im Außen. Herr Ausdemov zieht übrigens das v dem doppelten f vor, weil es so etwas adliger klänge. Das sagt eine Menge über seine Weltsicht und seine Haltung zum Leben und zu mir aus.

Die Gespräche mit den anderen Wesen sind zum Teil Zusammenfassungen aus realen Gesprächen in den sozialen Netzwerken und zum anderen Teil direkt von dort hier hinein kopiert.

Warum das alles? Weil es mir Spaß macht und weil es dir, der Leserin/dem Leser, vielleicht Freude und Anregung sein könnte.

Zeitumstellung


"Hunde haben eine innere Uhr, denen ist es egal, was unsere Zeitzähler sagen. Und so standen wir heute Morgen anstatt um sechs schon um fünf auf dem Feld rum. Ich bin so tapfer und selbstlos."

"Frau Müller, mit wem reden Sie?"

"Ich huldige mir selbst. Macht ja sonst niemand."

"Oh, Madame hat heute das Krönchen auf. Das kann ja heiter werden."

"Weil ich so großzügig bin, dürfen Sie es nachher polieren. Aber erstmal reichen Sie mir den Kaffee rüber und stellen Sie bitte die Uhren um."

"Das machen die selbst, die Uhren."

"Ach? Die Digitalisierung frisst Arbeitsplätze."

"Keine Politik am Frühstückstisch. Das war die Abmachung!"

"Persönchen mit Krönchen halten sich an so manchem Wort fest. Gegebenes gehört meistens nicht dazu. Die Willkür der Macht." *allerliebstlächelnd

Und ewig grüßt das Frühstücksei


„Frau Müller, können wir jetzt endlich frühstücken?! Oder müssen Sie noch irgendwelche ausgesprochen wichtige, schon tausendmal wiederholte Statements in die Welt hinaus flöten?“

„Huch, wie sind Sie denn heute drauf? Schlecht geschlafen oder einfach nur übermütig? Fangen Sie doch einfach schon mit dem Frühstücken an.“

„Damit ich mir dann wieder stundenlang anhören muss, dass ich ein egoistisches Mannsbild sei, dass nicht mal fünf Minuten warten könne, um gemeinsam am Tisch zu sitzen? Nein Danke!“

„Aha! Vorauseilender Gehorsam! Dachte ich es mir doch. Schon mal was von dem Autoritären Charakter gehört? Erkläre ich Ihnen gerne.“

„Frau MÜLLER! Können wir nicht einfach mal frühstücken ohne moralisierende Vorträge und ganz normale Tischgespräche führen? So über Gartenarbeit, Einkaufslisten, Nachbarschaftstratsch?“

„Klar, können wir. Kann ich auch. Wussten Sie, dass es immer weniger Insekten gibt und dass in den Discountern immer öfters nur der Mindestlohn, der ja zum Sterben zu viel, zum Leben aber zu wenig ist, gezahlt wird? Ach ja, und der Junge von den Schröders ist jetzt auch in die AfD eingetreten. War ja abzusehen. Meinten Sie solche Gespräche? Können wir gerne ausbauen.“

„Ich gebe es auf.“

„Na na, wer wird denn gleich resignieren, Sir! Das ist doch keine Haltung! Wo bleiben denn da die Zivilcourage und der Widerstand! Das ist doch gefragt jetzt. Da können Sie sich doch nicht einfach wegducken! Rückgrat ist angesagt. Auch von Ihnen. Also wirklich. So, und jetzt lassen Sie uns endlich frühstücken, Sie brauchen wirklich immer ewig, bevor wir endlich beginnen können. Ich bin ja schon am Verhungern. Schmieren Sie mir am besten gleich zwei Brötchen. Danke!“

Klatschen


„Oma, es regnet!“
„Ja, Schatz.“
„Das war ich!“
„Was warst du?“
„Ich habe heute Morgen gesungen.“
„Ich weiß. Ganz Neuberg wurde wach davon.“
„So schön laut, ja.“
„Ja.“
„Und darum regnet es jetzt.“
„Ach?!“
„Ja, weil der Himmel kann ja nicht klatschen. Das wäre ja auch komisch. Darum schickt er Regen. Weil es ihm gefallen hat. Ist wie in die Hände klatschen. Nur eben himmelig. Klatscht halt auf dem Boden. Hörst du.“
„Na, denn. Dann solltest du wohl öfters singen."
„Mach ich doch. Versprochen!“

Hitze


"Na, keinen Kommentar zur Hitze heute, Frau Müller?"

"Ne, irgendwann muss auch Schluss sein mit der Jammerei."

"Also haben Sie sich mit den Temperaturen arrangiert?"

"Ein neuer Schritt in der Evolution. Anpassung! Verdunkelte Räume, kaltnasse Gewänder in minimalistischer Ausführung, Standleitung zum Wasserhahn, Verstand auf Standby."

"Klingt irgendwie nach Regression."

"Würde es. Vielleicht. Aber, es gibt ja Netflix und Mediatheken."

"Sag ich doch. Mutterbrustersatz oder gar Plazentanuckeln."

"Wäre es nicht so heiß, würde ich Sie jetzt durch Haus jagen und an die Wand nageln, Sir."

"Wie gut, dass es noch nicht abgekühlt ist."

"Halten Sie die Klappe und reichen Sie mir das nächste feuchte Tuch!"

Erkenntnis: Hitze + Sozialverträglichkeit = nicht kompatibel.

Das Ding mit dem lieb haben


„Spielen, Oma?“
„Nein.“
„Bütteeee!“
„Ist mir zu heiß.“
„Ich will aber!“
„Dann spiel doch. Ich will nicht.“
„Du bist gemein.“
„Okay.“
„Dann lieb ich dich jetzt nicht mehr!“
„Mach mal. Ich lieb dich.“
„Wenn ich dich nicht liebe, dann kannst du mich auch nicht lieben.“
„Doch, kann ich.“
„Das ist doch blöd!“
„Was?“
„Wenn ich dich liebe, dann liebst du mich. Wenn ich dich nicht liebe, dann liebst du mich auch.“
„Ja.“
„Richtig, richtig blöd!“
„Ne, das ist Liebe. Ist einfach so.“

KleinMadame grummelnd in der Ecke. War gespannt, was sie daraus machen würde.

Nächster Tag:

„Mein Bruder ist so anstrengend, Oma. Er macht mir als meine Sachen kaputt. Ich habe ihn dann halt nicht mehr lieb. Und manchmal muss ich ihn dann schubsen!“
„Ach?“
„Macht aber nix. Er liebt mich trotzdem.“
„Ja?“
„Und dann habe ich ihn auch wieder lieb. Weil er mich eben trotzdem lieb hat. Und er ist so süß, wenn ich ihn dann kuschele. Die Mama sagt, dass sei normal, dass man sich streitet und dann liebt. Und die Mama hat immer recht, auch wenn sie nicht recht hat.“
„Wie kommst du denn darauf, dass sie immer recht hat?“
„Na, weil sie doch die Mama ist!“
„Mamas können sich auch irren, Kind.“
„Ich lieb sie aber trotzdem!“

Welch zorniger Blick.

Sie ist auf dem richtigen Weg. Eindeutig.  

Gequatsche


„Du bist doch ein linksgrünversiffter Gutmensch!“

„Meinst du das negativ?“

„Klar!“

„So als Gegenteil zu dir?“

„Klar, ich bin das genaue Gegenteil von dir.“

„Also bist du ein Rechter. Dir geht die Umwelt am Arsch vorbei. Mit Unordnung und ein wenig Dreck kommste nicht klar. Du bist ein schlechter Mensch. Mensch biste aber, oder?“

„Du beleidigst mich gerade!“

„Nö, das bekommst du schon selbst ganz gut hin.“

Adäquates Gegenüber


„Frau Müller, es nervt!“

„Was denn?“

„Sie rennen seit den frühen Morgenstunden durchs Haus und zitieren lauthals und unmelodisch irgendwelche Texte.“

„Ich zitiere nicht, ich diskutiere!“

„Mit wem denn? Mit den Wänden, dem Fußbodenbelag oder dem Treppengeländer?“

„Ich diskutiere mit dem einzigen Wesen im Haus, das mir wirklich zuhört und nach dem dritten Komma im Satz nicht anfängt entnervt zu schielen. Jenes Wesen, das Zitate, die länger sind als ein Twitter Post, goutieren und mit ebensolchen antworten kann. Mit jenem Menschen, der meinen querliegenden Argumenten und sprunghaften Assoziationen folgen und deren Schönheit mit einem Lächeln begleiten kann, ohne sich darin zu verheddern.“

„Häh?“

„Genau. Das meinte ich.“

Zeit vergeuden?


„Sie verbringen zu viel an Zeit mit Apfeltörtchen, Spielereien, Teetrinken und Müßiggang“

„Immer noch besser als mit Lügen, Hass, Morden und Kriegstreiberei.“

„Auch wieder wahr. Reichen Sie mir doch bitte noch ein Törtchen. Danke!“

Werden


„Manchmal wäre ich so gerne wie Sie, Frau Müller.“

„Wie meinst du denn das jetzt?“

„Nun, Sie als Therapeutin haben doch mit all dem Mist und den Problemen der Psyche so gar nichts mehr zu tun. Sie haben ja für alles eine Lösung.“

„Tschuldige, ich liege gerade lachend unterm Tisch. Wie kommst du denn auf so einen albernen Gedanken? Ich bin doch keine Maschine. Auch ich kenne, wie jeder Mensch, Selbstzweifel, Eifersuchtsdramen, Verzweiflung, Heimsuchungen vergangener Geister, egomanische Anfälle, Vorurteile, Dummheiten, Macken, längst vergangen geglaubten Schmerz, etc...  Auch ich bin meiner quirligen Psyche ab und an restlos ausgeliefert, fühle mich schwach, hilflos, überfordert, jämmerlich, ungerecht, aggressiv, und vieles mehr. Der einzige, kleine Unterschied ist vielleicht, dass ich damit anders umgehe als du. Ich wehre mich nicht dagegen. Ich kämpfe nicht damit, sondern nehme es als Teil von mir an und über vieles davon kann ich mittlerweile kichern. Manches schau ich mir noch einmal genauer an und lerne daraus. Manches nehme ich wohlwollend und gelassen als Teil meines Selbst an und lasse es einfach so sein, wie es ist. Und manches bringt mich zur Weißglut und ich bemühe mich auf allen Wegen darum es zu verstehen und es zu verändern.

„Sag ich doch, ich will so werden wie du!“

„Können wir uns vielleicht darauf einigen, dass du endlich erkennen und werden willst, wer und wie du bist. Dabei könnte ich dich begleiten. Das andere, wäre nur wieder eine Mauer, die dich daran hindert, dich endlich selbst anzusehen und am Bau dieser würde ich mich nicht beteiligen wollen.“  

„Darüber muss ich jetzt nachdenken.“

„Prima, dann sind wir ja schon einen Schritt weiter!“

(Es ist sehr spannend, wie mein Gegenüber manchmal, obwohl wir uns auf ein "du" geeinigt hatten, dann in der Konversation wieder hin und her wechselt. Bei Mitschriften erkenne ich im Nachhinein dann oft ein aufschlussreiches Muster.)

„Rules are overrated“


„Ich hasse es, wenn der Drucker mir sagt, er sei nicht da. Und ich werde kirre, wenn er behauptet, er hätte keine Tinte mehr und mir dann beim Schütteln der Patrone eben diese durch ganze Zimmer spritzt. Ebenso bringt es mich an den Rand des Irrsinns, wenn ich alle Druckaufträge lösche und er dann nach Stunden auf einmal völlig wahllos mittendrin irgendwelche Seiten quasi kichernd raus rotzt. Wir beide haben heute eindeutig ein Kommunikationsproblem. Ich schmeiße ihn jetzt an die Wand!“

„Frau Müller, Frauuuuu Müüüüüller! Jetzt kommen Sie mal runter. Es ist kurz vor sechs und Sie kruscheln jetzt seit ner Stunde schon lauthals hier rum. Was ist eigentlich los? Worum geht es denn?“

„Der Drucker…“

„Stopp! Darum geht es doch nicht wirklich, oder?“

Frau Müller wandert schweigend kreisend im Zimmer rum.

„Also?“

„Saba hat seinen Kampf in Petersburg gewonnen.“

„Das ist doch gut!“

„Nein, ist es nicht. Er hat ihn gewonnen, nachdem dieser Idiot von Gegner ihm einen Soccer Kick verpasst hat. An den Kopf. Einfach so. Während er noch kniete. Regelwidrig. Unfair. Bekloppt. Der wurde dafür dann sofort disqualifiziert. So ein Arsch, so ein verdammter!“

„Nun, damit muss man in diesem Sport wohl rechnen. Gehört wohl dazu. Weiß man, wenn man sich darauf einlässt.“

„Blablabla. Er ist mein Sohn. Unterkieferbruch. Das ist kein Spaziergang. Ich darf wütend sein. Ich darf mir Sorgen machen. Das ist mein Recht!“

„Ja, dürfen Sie. Aber hören Sie auf, sich an dem armen Drucker auszutoben.“

„Na gut, dann streit ich mich jetzt halt mit Ihnen.“

„Wenn es sein muss, gerne. Kaffee?“

„Ja. Bitte. Und bringen sie die Küchenrolle mit. Ich muss jetzt mal ne Runde heulen.“

„Aber, aber, es wird alles gut! Streiten Sie sich bitte mit mir, ich kann es nicht aushalten, wenn Sie weinen.“

„Ich weine nicht, ich heule. Das ist ein echter Qualitätsunterschied.“

Quer


„Die ganzen ausländischen Frauen nehmen doch den deutschen Frauen die eh schon zu wenigen Plätze in den Frauenhäusern weg!“

„Ach?“

„Die ausländischen Männer sind eben brutal gegen ihre Frauen.“

„Die meisten deutschen Frauen sind doch immer noch mit deutschen Männern verheiratet, oder?“

„Ja natürlich. Und das ist auch gut so!“

„Und warum brauchen die dann die Plätze in den Frauenhäusern?“

Darf man das sagen?


„Sie dürfen doch das Tun von jemandem nicht durch vulgäre Wortwahl ab/bewerten!“

„Doch, manchmal schon. Reguliert meine Sozialverträglichkeit und innere Gesundheit aufs Beste. Jedes andere Verhalten meinerseits wäre, als Reaktion auf Unsägliches, sonst von strafrechtlicher Relevanz oder eine mutwillige Selbstverletzung.“

Zeit


„Ich arbeite so viel, denn mein Kind soll es später mal besser haben als ich es hatte!“

„Ja, das verstehe ich. Du arbeitest jetzt so viel und so viele Stunden, damit es dem kleinen Kerl später besser gehen wird, als es dir als kleines Kind erginge.“

„Ja, genau deshalb!“

„Erzähl mir von dem kleinen Kind, dem es damals so gar nicht gut ging.“

„Wir waren eigentlich nicht richtig arm und hatten eine angemessene Wohnung. Mein Vater hat als Hausverwalter gearbeitet und meine Mutter als Sekretärin. Ich war dann oft alleine zu Hause und wenn meine Eltern da waren, dann waren sie meistens müde und erschöpft. Es gab auch oft Streit. Ich habe mich dann ganz tief unterm Bett versteckt und leise geweint. Es ging mir nicht gut“

„Es ging dem kleinen Kind nicht gut. Was denkst du denn, was hätte es sich denn mehr als alles andere in der Welt gewünscht? Was hätte ihm denn geholfen glücklicher zu sein?“

„Ach, das ist ganz einfach: Mehr Zeit mit den Eltern. Mehr zusammen spielen und lachen. Geschichten erzählen, mittags ab und an zusammen essen, spazieren gehen. Einfach viel, viel mehr Zeit zusammen sein.“

„Ja, das verstehe ich. Und du arbeitest jetzt so viel und so viele Stunden, damit es dem kleinen Kerl später besser gehen wird, als es dir als kleines Kind erginge.“

Bohrer


„Was schauen Sie denn so grimmig, Frau Müller?“

„Ich versuche ein blödes Bett auseinander zu montieren, damit es woanders aufgebaut werden kann. Das dumme Ding jedoch widersetzt sich mir hartnäckig. Irgendwo habe ich einen Denkfehler drin, oder stehe auf der Leitung.“

„Soll ich Ihnen helfen?“

„Wagen Sie es nur nicht!“

„Ich wollte nur helfen.“

„Ach, und nebenbei beweisen, dass Sie schlauer, stärker, irgendwas sind? Immer dieses Machogehabe!“

„Aber…“

„Nix aber. Sie gehen jetzt in den Keller und holen mir sämtliche Werkzeugkisten rauf und dann lassen Sie mich in Ruhe mit dem Bett kommunizieren. Wir einigen uns schon.“

„Manchmal sind Sie aber schon sehr verbohrt, Frau Müller!“

„Bohrer?! Stimmt, damit kann man ja auch schrauben. Bringen Sie den auch noch aus dem Keller mit. Mit allen Aufsätzen. Sehen Sie, ich wusste doch, dass ich etwas übersehen hatte.“

Brötchen holen


„Wo kommen Sie denn jetzt her?!“

„Ich war doch nur kurz Brötchen holen, Frau Müller.“

„Kurz? In der Zeit hätte ich Wäsche bügeln, Haus sanieren, Kurzurlaub machen und die Welt retten können. Was trödeln Sie bloß immer so rum! Der Kaffee ist auch schon kalt.“

„Wollen Sie jetzt ein Brötchen, oder nicht?“

„Ja klar doch! Ist es denn noch schön warm?“

„Eher nicht.“

„Na, sag ich doch, von wegen kurz mal holen.“

„Immerhin bin ich wiedergekommen!“

„Stimmt. Das sei Ihnen mal hoch angerechnet. Dafür bekommen Sie ein Glitzersternchen.“

Kiste


„In meinem Schrank gibt es eine schön verarbeitete Kiste mit Strümpfen und Socken. Trotz aller äußeren Schönheit ärgert sie mich laufend: Wenn ich Strümpfe in ihr suche, dann entrolle ich mindestens neun Söckchen um ein einziges Paar Strümpfe zu finden. Eine Stunde später such ich in der gleichen Kiste Socken und hab nur Strümpfe in der Hand.“

„Eine Form von schräger Kommunikation?“

„Häh?“

„Na ja, vielleicht will sie Ihnen was mitteilen?“

„Was könnte mir eine Kiste mit solch nervenden Spielchen wohl mitteilen wollen?“

„Das sie einsam ist und gerne noch eine Kiste an ihrer Seite hätte? So eine nur für Socken und eine nur für Strümpfe?“

„Oh, Sie schenken mir eine neue Kiste! Sie sind ja süß!“

„Stopp! Ich bin hier nur der Übersetzer oder Überbringer der möglichen Botschaft. Sonst nix.“

„Ach, war da nicht mal was mit Kopf ab für den Boten? Erst erzählen Sie mir was von einer neuen Kiste. Machen mir quasi den Mund wässrig und dann verdrücken Sie sich? Das könnte heute ein miserabler, ein sehr miserabler Tag für Sie werden!“

„Okay, okay, ich hole nachher eine zweite Kiste.“

„Na also, geht doch! Noch ein Käffchen vorher?“

Klickfinger


„Klicken Sie ja keine Videos im Messenger an, das könnten Pornos sein, Frau Müller!“

„Ach ja?“

„Die Hacker könnten auch welche in Ihrem Namen versenden!“

„Ach.“

„Regt Sie das nicht auf?“

„Nöh. Wenn sie gut gemacht sind, dann ist es doch okay. Und wenn sie Schrott sind, dann wischt man sie einfach weg.“

„Frau Müller, Sie verstehen das Problem nicht!“

„Doch. Ernsthaft. Deshalb öffne ich prinzipiell nix, auf dessen Absendung man mich nicht vorher ausdrücklich hingewiesen hat. Das ganze oben genannte System funktioniert doch nur, weil manche nen Klickfinger haben, der schneller ist als ihr Gehirn.“

Früher


„Früher war alles besser!“

„Ja, Eis auf dem morgendlichen Waschwasser, Eisblumen auf den Fensterscheiben und kein Holz zum Heizen mehr im Haus.“

„Ich meine so in der Gesellschaft überhaupt!“

„Kinderarbeit, Säuglingssterblichkeit, niedrige Lebenserwartung überhaupt?“

„Der Zusammenhalt der Menschen untereinander!“

„Sklaverei auf den Baumwollfelder, gemeinsames Verrecken in den Kohlegruben, Volksgemeinschaft unter den Nazis, Schwulenklatschen und Berufsverbote?“

„NEIN! Das nicht, mehr so in den Familien...“

„Züchtigungsrecht der Eltern, jungfräulich in die Ehe, Eigentum des Mannes an Frauen und Kinder?“

„Die Eisblumen. Die Eisblumen an den Fenstern waren aber wirklich schöner!“

Gefühlte Fakten


„Draußen scheint die Sonne und es ist richtig warm!“

„Ja klar, erster April und so.“

„Warum sind Sie nur immer so negativ, Frau Müller?“

„Weil ich, während Sie noch gepennt habe, schon in der Kälte bibbernd mit Pauli Gassi war. Außerdem habe ich von meinem Fensterplatz aus einen direkten Blick auf die trüben Wolken da draußen.“

„Fantasie, Frau Müller, Ihnen fehlt es einfach an Fantasie!“

„Und Sie sind Fakten resistent. Aber gut, wenn Sie meinen es sei mild und sonnig draußen, dann dürfen Sie heute den Hof kehren und die Stühle abwaschen, damit wir dann gemütlich draußen sitzen können.“

„Ähm, so habe ich das jetzt aber nicht gemeint.“

„Ich aber schon. Und das ist kein Aprilscherz. Also, die Bermudas an und raus mit Ihnen.“

Osterhasi


„Bei Karstadt heißt der „Osterhase“ jetzt „Traditionshase“. Unsere ganze christliche Kultur geht den Bach runter!“

„Jesses aber auch. Was machst du übrigens Ostern?“

„Ich bin mit der Familie unterwegs.“

„Oh, die ganze Familie. Ist ja eine heiße Woche vor und an Ostern. Palmsonntag und dann die Karwoche mit Chrisammesse, Triduum Sacrum, Vigilfeier, und, und, und. Da kommt ihr ja aus der Kirche gar nicht mehr raus.“

„Häh? Wieso Kirche? Ich gehe doch nicht in die Kirche! Sind Sie deppert, Frau Müller?“

„Oh, ich dachte nur, so von wegen christliche Kultur, und so.“

Fürsorgepflicht


„Jetzt habe ich doch noch eine Kleinigkeit für die Kinder. Kein Grund dafür, ich weiß. Aber, irgendwie.“

„Ach, machen Sie sich keinen Kopf, Frau Müller. Sie befriedigen eben Ihr eigenes inneres Kind. Das ist schon okay.“

„Was reden Sie denn da für einen Stuss?! Was hat das mit meinem Inneren zu tun. Ich spiel ja nicht. Ich schenk bloß gerne.“

„Sie spielen nicht? Und warum sammeln Sie dann die ungemochten Kuscheltiere bei sich? Den Grüffolo und das Monsterchen? Den kleinen Drachen und die kaputten Feen? Und wer bricht in Mitgefühl aus, wenn KleinMadame ihre Puppen lieber nackert durch die Gegend schleppt und zieht diese mit Hartnäckigkeit immer und immer wieder an?“

„Ich gewähre den einen nur Asyl, und pass auf sie auf. Und da es Winter ist, betuche ich die anderen nur, damit sie sich nicht erkälten.

„Und legen sie sich ins Bett, verteilen wärmende Deckchen und Streicheleinheiten mehrmals am Tag.“

„Das ist reine Fürsorge. Für Wesen, die man bei sich aufnimmt, hat man eben auch eine Fürsorgepflicht!“

„Wer spricht da jetzt gerade mit mir? Das Kind, oder die erwachsene Frau?“

„Häh? Ich streichle Ihnen doch auch ab und an mitfühlend übers dummgebeutelte Köpfchen, Sir! Das würde ein Kind niemals tun!“

„ICH bin ja auch kein Spielzeug!!!“

„Ach nein?!“

Ostereierlei


„Ich brauch dringend neue Sommershirts. Die alten sind viel zu eng.“

„Abnehmen käme eindeutig billiger, Frau Müller!“

„Sie haben mit dieser Bemerkung gerade ihr tolles, einmaliges, wunderbares Ostergeschenk, welches ich sehr bedachtsam ausgesucht hatte, an ein sozial kompatibleres Wesen weitergereicht, Sir.“

„SIE hatten ein Ostergeschenk?!“

„Klar, so egoistisch wie ich veranlagt bin, nutze ich jede, aber auch wirklich jede noch so abstruse Gelegenheit um meinen pathologischen Altruismus zu befriedigen.“

Grenzsetzungen


"Was gucken Sie denn so böse, Frau Müller?"

"Ich bin genervt."

"Vom Wetter etwa?"

"Quatsch, das ist wie es ist."

"Also, was?"

"Ich musste mal wieder jemand aus dem hiesigen Netzwerk entfernen. Sowas ärgert mich halt. Aber, es gibt so Grenzen, die kann und will ich nicht überschreiten lassen. Meint, ich bin sehr geduldig und eine andere Meinung stört mich auch nicht. Im Gegenteil, es macht mir Spaß, wenn diskutiert wird. Aber, es darf nicht persönlich werden und schon gar nicht unter die Gürtellinie zielen. Das erlaube ich niemandem im realen Leben, also, warum sollte ich es hier?"

"Rechtfertigen Sie sich gerade, Frau Müller?!"

"Ja, scheint so. Da bricht die Therapeutin durch, die Kommunikation nicht verweigern will."

"Wie war der Grundsatz? Keine Begleitung ohne Auftrag! Niemals! Sie können nicht jeden retten!"

"Blablabla. Ich weiß."

"Und?"

"Sie haben recht."

"Na, also!"

"Aber nur dieses eine Mal! Ausnahmsweise! Und auch nur ein klitzekleinwenig! Und jetzt reichen Sie mir endlich die Kartoffeln, oder wollen Sie die alleine essen?"

BER


„Was fällt Ihnen zum Flughafen BER ein, Frau Müller?“

„Hätte ich ein Aluhütchen auf, würde ich glatt sagen, dass hört sich ganz nach einem riesigen Geldwäschegeschäft an. Ich trage aber heute mein Zipfelmützchen und deshalb sag ich nix.“

Es waren die!


„Das waren die Russen. Ganz sicher waren es die Russen.“

„Du immer mit deinen Russen.“

„Hast du was gegen Russen, häh? Bist du Rassistin, oder was?“

Aliens

„Glauben Sie an außerirdisches Leben?“

„Nöh.“

„Aber, wenn es welches gäbe, dann… .“

„Dann würden die mal kurz durch unsere Geschichte rasen und ratzfatz unser Sonnensystem pulverisieren. Da das noch nicht geschehen ist, gehe ich weiterhin davon aus, dass es Aliens nicht gibt.“

„Na, Sie sind ja heute mies drauf!“

„Stimmt. Ich könnte mich ein wenig mäßigen.“

„Das wäre erfreulich!“

„Nicht das ganze Sonnensystem, nur den Systemfehler Mensch.“

„Entwickeln Sie sich gerade zur Misanthropin?“

„Nein. Ein Reset der Menschheitsgeschichte fände ich allerdings erfrischend. Alles auf Null und nochmal ganz von vorne. Immer wieder. Bis der Mensch dem Menschen endlich ein Freund ist.“

„Wie kommt man nur auf so krude Gedanken?“

„Indem man einmal durch die Nachrichten der letzten zwei Wochen schlurft und es zulässt, dass das eigene Gehirn dazu jeweils Bilder und/oder kleine Filmchen abspult. Mord, Totschlag, Korruption, Elend, Hass, Hunger, Dummheit, Sadismus, Wahnsinn, Gier, Egoismus, Krieg, Soziopathie, Ausbeutung, Narzissmus, Gewalt, Lügen, Völkermord, Folter, und, und, und. Es fällt schwer, den positiven Blick auf sich und die Menschheit dann nicht zu verlieren.“

„Was kann man tun?“

„Sich aufrappeln. Den Blick zurückfahren und das nähere Umfeld in den Fokus nehmen. Dem Trotzalledem mehr Aufmerksamkeit schenken. Denn da waren auch und sind immer noch Güte, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Nächstenliebe, Solidarität, Zärtlichkeit, Miteinander, Achtsamkeit, Veränderungswillen, Großzügigkeit, Liebe, Verständnis, Standhaftigkeit, Verantwortungsübernahme, Empathie, und, und, und. Die Waagschale ist noch nicht gänzlich unausgeglichen und die Aliens, wenn es sie denn gäbe, bekommen den Stinkefinger gezeigt.“

„Darauf einen Kaffee, Frau Müller!“

Parteiarbeit


„Ich kenne ja Ihre kurzfristigen Erlebnisse bei den Grauen Panthern. Waren Sie eigentlich vorher auch schon mal in einer Partei, Frau Müller?“

„Ich bin ein seltsam gestricktes Wesen und hatte im Laufe meines Lebens komische Glaubenssätze. Neben anderen Erfahrungen, in unterschiedlichen außerparlamentarischen Gruppen, Verbänden, Parteien, gab es einmal einen kurzen Augenblick in meinen jungen Jahren, da war ich Mitglied in einer Partei, für die ich mich gerne stark gemacht hätte. Nach einer gemeinsam durchgetanzten Nacht hatte ich jedoch ein für mich ausgesprochen feines sexuelles Erlebnis mit dem Vorsitzenden. Danach steigerte er sich vor Angst, dass es seine Frau erfahren könnte, in einen panischen Eiertanz hinein. Niemand sollte, dürfte etwas davon erfahren. Auch wegen seiner Reputation innerhalb der Partei und im Öffentlichen sei absolutes Schweigen meinerseits angesagt. Der hat mich verrückt gemacht mit seiner Panik. Sorry, sowas ging mit mir nicht. Man war erwachsen, hatte Verantwortung und sollte wissen, was man tut und dafür grade stehen. Ich wollte gar nichts weiter von ihm. Es war ein gutes, einmaliges Erlebnis, sonst nichts. Hätte er vorher angesagt, dass er eine Frau habe, die explizit auf Treue bestand und dass er deshalb nicht wolle – prima, alles gut. Aber, mitnehmen und dann einen Affentanz aufführen? Ich konnte ihm nichts mehr glauben, ihn nicht mehr ernst nehmen. Da er seine Frau mit einer derartigen Lässigkeit belügen konnte und wollte, war er auch politisch für mich durch. Er machte Karriere in der Partei und ich bin raus aus diesem Kuddelmuddel.“

„Sie können doch nicht ein privates Erlebnis zur Grundlage einer politischen Aktivität Ihrerseits machen!“

„Doch, konnte ich.“

„Sie hätten genauso gut Ihre Zweifel an seiner persönlichen Integrität offen thematisieren können. Dann hätte es zwar ein paar Scherben gegeben, aber es wäre reinigend gewesen.“

„Das stimmt. Heute würde ich mich völlig anders verhalten. Aber damals war ich jung, euphorisch idealistisch und geprägt durch den Satz, dass alles, wirklich alles politisch sei und es keinen Widerspruch zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen geben dürfte. Er war einer meiner damaligen politischen Helden und er stellte sich für mich als armseliges Arschloch heraus.“

„Und was würden Sie heute anders machen? Würden Sie sofort offen darüber reden?“

„Heute weiß ich durch Erfahrungen so viel mehr. Meine Auswahlkriterien für ein One-Night-Stand haben sich sehr verfeinert. Er würde gar nicht mehr in die engere Wahl kommen. Es gäbe also nichts zu thematisieren. Und würde doch einmal so jemand wie er durchs Raster fallen, dann würde ich wohl eher zuerst mit seiner Frau reden.“

„Und was ist heute mit Parteiarbeit? Es liegen ja genügend Anfragen vor.“

„Haben Sie etwa an meinem Schreibtisch rumgeschnüffelt?“

„Nein, aber ich habe für Sie in den letzten Tagen den Telefondienst gemacht und da ergab sich so das eine oder andere Gespräch.“

„Ein für alle Mal: Halten Sie sich aus meinen Angelegenheiten raus! Sie dürfen mich für eine Weile begleiten, mit mir essen und ab und an gemütliche Stunden teilen. Alles andere ist meine Sache. Und, da Sie nun schon fragten, ich bin für Entscheidungsstrukturen und Hierarchien in Parteien schlichtweg nicht tauglich. Ich könnte zum Beispiel niemals, auch nicht öffentlich, meinen Mund halten, wenn ich in einem Punkte anderer Meinung als die Partei wäre. Ich könnte niemals bedingungslos loyal sein für eine Partei. Das kann ich nur für einzelne Menschen sein. Nene, ich bin da nicht kompatibel.“

„Aber…“

„Nichts aber. Wir werden jetzt fertig zu Mittag essen und dieses Thema ökologisch wertvoll in der Biotonne entsorgen.“

Raus!


„Du kannst doch die Menschen nicht einfach in Länder abschieben, in denen ihnen Not, Elend und der Tod droht!“

„Das sind doch zum größten Teil Verbrecher. Schmeißt alle raus, die sich nicht an unsere christlichen Werte und unsere Gesetze halten!“

"Na gut, wenn du es so willst: Schmeißt sie alle raus, die da ihre Partner und Kinder schlagen und vergewaltigen; schmeißt alle raus, die sich an Kinderpornografie ergötzen; schmeißt alle raus, die meinen mit Hass und Gewalt könne man Probleme lösen; schmeißt alle Rassisten, Fanatiker und Brandstifter raus; jagt sie weg, die billigend in Kauf nehmen, dass an ihren billigen Klamotten Kinderblut klebt; schmeißt sie raus, die in FlatratePuffs die Menschenwürde in Grund und Boden ficken; schmeißt sie raus, die sich selber selbst nur am nächsten sind. Schmeißt die raus, die die Opfer von Fanatismus, Machtkämpfe, Krieg und Vertreibung zu den neuen Tätern erklären. Schmeißt alle raus, die Menschen- und Kinderrechte mit Füßen treten. Jagt sie fort, die die Werte von Menschlichkeit und Menschenwürde permanent missachten! Raus damit! Sie sind, jeder einzelne, eine Gefahr für ihre Mitmenschen!"

"Ähm, Frau Müller, Sie haben da etwas missverstanden. Die, die Sie meinen, meinte ich nicht.“

„Ach?!“

Valentinstag


The same procedure as every year:


„Warum bist du denn so sauer?“

„Es ist Valentinstag.“

„Und?“

„Ich mach mir da ja nix draus.“

„Und?

„Aber, jetzt ist es schon halb zwei und der Kerl hat weder angerufen, noch Blumen geschickt!“

„Aber, du hast doch gerade gesagt, du machst dir nichts draus.“

„Mach ich mir ja auch nicht.“

„Aber sauer bist du trotzdem?“

„Ja! Total!“

„Na ja, vielleicht kommen die Blumen ja noch.“

„Ne, bestimmt nicht, ich habe ihm ja gesagt, ich will das nicht. Weil, ich mir da ja nichts draus mache.“

„Und warum bist du dann jetzt sauer?“

„Er hätte ja trotzdem. Weil man das eben so macht.“

„Aber.“

„Du willst mich nicht verstehen, oder?“

„Ich gebe mir Mühe, aber.“

„Danke, jetzt bin ich richtig abgenervt. Nicht mal meine beste Freundin will mich verstehen. Toller Tag.“

Morgendliche Lektüre


„Was machen Sie da, Frau Müller?“

„Ich lese die neuesten Meldungen durch.“

„Sie haben aber die Augen geschlossen!“

„Macht nichts, der Informationsgehalt bleibt sich gleich.“

Realitäten

„Das Dreckspack soll endlich aus meiner Heimat verschwinden!“

„Das ist rassistisch.“

„Wären nicht so viele Ausländer da, dann wäre ich auch nicht rassistisch.“

„Ach? Wie viele Ausländer leben denn in deinem Ort?“

„Bisher zum Glück gar keine!“

*Anmerkung
Keine Ahnung, wo dieser Mensch wohnt. 

Befindlichkeiten

„Es geht mir gut.“

„Na, das ist ja mal eine Erkenntnis am frühen Morgen, Frau Müller. Haben Sie noch keine Medienschau gemacht heute?“

„Dazu brauch ich keine Nachrichten. Ich stell mich vor den Spiegel und schau mich selbstkritisch an: Keine Rückenbeschwerden, kein Kopfweh, nix mit Magen oder sonstigen Innereien, kein Zittern, keine Gelenkschmerzen, keine trüben Augen, kein Schwindel, kein Haarausfall, keine Hautprobleme. Alles im grünen Bereich.“

„Nun, ein wenig dick und schwerfällig sind Sie aber schon. Und war da nicht auch etwas mit Diabetes zwei?“

„Boah, Sie oller Miesepeter. Das sind aber doch Sachen, die ich steuern kann. Bewegung. Die Zuckerwerte und das Gewicht sinken, sobald ich mehr als fünftausend Schritte mache. Wissen wir doch.“

„Ach, deshalb steht jetzt das Monstrum von einem Stepper wieder im Büro. Der ist, glaube ich, so alt wie Sie. Nur, dass Sie in Bewegung nicht so quietschen wie er.“

„Sagen wir mal so: Sie sind ein freundlicher Mensch. So unterm Strich. Aber, Sie sind alles andere als ein begnadeter Motivationscoach. Und weil das so ist, sind Sie heute für den Kaffee zuständig. Also, hopp, hopp, schleichen Sie sich schon in die Küche.“

„Aber.“

„Nix aber! Ein bisschen Bewegung tut Ihnen auch gut!“

„Wir haben aber eine Regel und nach der wären Sie heute dran mit dem Frühstück machen!“

„Flexibilität, alter Mann! Flexibilität ist eine der wesentlichen Zutaten von Beweglichkeit und trägt ausgesprochen viel zum Wohlfühlen bei. Und Sie wollen sich doch wohlfühlen, oder? Na, sehen Sie! Ich hätte heute Morgen gerne zwei Spiegeleier mit Kresse und den Kaffee bitte in der weißen Tasse.“ 

Gespräch am Küchentisch

Mensch: „Heute ist ein blöder Tag.“

Herr Schuld: „Das ist deine schuld! Alle freuten sich schon seit Wochen auf einen schönen Tag, aber nein, du musst es ja wieder vermasseln.“

Madame Depression: „Oh stimmt, du hast recht, der Tag ist ganz trübe, die Sonne geht nicht auf. Es wird bestimmt noch schlimmer.“

Mister YouCanNotDoIt: „Egal was du machst, es wird sich eh nix dran ändern. Du hast noch nie was hinbekommen, schon gar nicht, wenn es wirklich wichtig war. Auf dich kann man sich einfach nicht verlassen! Du bekommst kein anständiges Leben auf die Reihe und so einen banalen Tag schon gar nicht.“

Frau Klein: „Hilfe, wir brauchen Hilfe. Du schaffst das nicht! Aber, da ist niemand. Da ist so gar niemand. Wir sind allein. Hilfe.“

Herr Vater: „Was habe ich nur falsch gemacht in meinem Leben, dass ich mit so einem Nichtsnutz wie dir geschlagen wurde! Du hast mich schwer enttäuscht.“

Mensch: „Seid endlich still!“

Madame Depression: „Es war schon immer dunkel. So dunkel, so leer, so unendlich leer.“

Herr Schuld: „Das fing schon mit deiner Geburt an. Mein Leben war ab da ein einziges Chaos. Es hätte so toll sein können. Ich war so begabt, aber du hast alles zerstört. All meine Träume hast du kaputt gemacht!“

Frau Mutter: „Du bist jetzt erwachsen, übernimm gefälligst endlich die Verantwortung! Es ist deine Pflicht. Du hast dich um uns zu kümmern, dass ist die Aufgabe eines guten Kindes! Sorg dafür, dass es uns gut geht, wir haben genug für dich geopfert!“

Frau Klein: „Keiner hat mich lieb. Ich mach alles falsch. Man kann mich ja gar nicht lieb haben.“

Madame Depression: „Kalt, es wird immer kälter. Die Sonne wie nie mehr richtig aufgehen. Nie mehr!“

Mister YouCanNotDoIt: „Du wirst diesen Tag nicht retten können. Versuche es erst gar nicht, es kommt eh nichts Gutes dabei raus. Du bist schlichtweg unfähig dazu.“

Herr Schuld: „Du bist schuld, schuld, schuld!“

Herr Vater: „Was ist nur aus meinem süßen, kleinen Kindlein geworden?! So viel Potential. Jede Tür wurde dir geöffnet, jeder Stein wurde dir aus dem Weg geräumt. Du hast jede mögliche Unterstützung bekommen. Andere Kinder wären dankbar dafür. Und du? Ich schäme mich für dich!“

Frau Mutter: „Ich habe mir das ganz anders mit dir vorgestellt. Ich habe so viel für dich getan und aufgegeben und jetzt schaffst du es nicht mal, mir einen, nur einen einzigen schönen Tag zu schenken.“

Frau Klein: Ich bin so allein.

Im Chor und schunkelnd: „Du bist schuld, du bist schuld, du bist schuld!“

Mensch: „HÖRT JETZT AUF! SOFORT! Raus, einfach raus hier! Ich habe euch nicht eingeladen, verschwindet endlich!“

Alle huschen beleidigt zu Tür raus. Doch hört man sie miteinander tuscheln. Sie tuscheln immer vor der Tür. Immer. Und sie kommen wieder. Ohne Einladung. Immer!

GroKo

„Sind Sie auch so nervös wegen dem SPD Entscheid heute, Frau Müller?“

„Nein.“

„Wie nein? Machen Sie sich keinen Kopp drum, wer künftig regiert?“

„Nöh.“

„Aber.“

„Ne.“

„Wo sind Sie denn mit Ihrem Kopp, Frau Müller?“

„Die Türkei bombardiert unter anderem gerade Flüchtlingslager in Nordsyrien. Ob das Teil des Deals mit der BRD ist? Wir bekommen Panzer, dafür lösen wir für euch einen Teil des Flüchtlingproblems, indem wir die Lager dort einfach tot bombardieren?“

„Nana, Frau Müller, so unverschämt unmenschlich und kaltschnäuzig denken auch die nicht.“

„Ach ja? In diesem Fall sind Sie mehr als blauäugig. Denen gehen Menschenleben in ihren Kalkulationen am Arsch vorbei. Und zur Groko nur das von meiner Seite: Alles die gleiche, elendige Mischpoke. Es geht um Macht und Gier. Um Sie und mich ging es noch nie. Und dieses Einknicken vor rechten und menschenrechtsverachtenden Positionen für den eigenen Machterhalt hat Tradition. National und international.“

„Jetzt kommen Sie mal wieder runter, Frau Müller! Regen Sie sich nur nicht so auf. Denken Sie an Ihr Herz!“

„Runter kommen? Ich bin noch gar nicht mal ansatzweise hoch gelaufen. Und mein Herz? Das schreit und weint ob all dem Scheiß in der Welt. Und funktioniert ansonsten prima.“