Herr Ausdemov ist mein inneres Gegenüber, mein männliches Alter Ego. Er ist ein wichtiges Mitglied meines Inneren Teams seit Jahrzehnten. Wir sind uns also einigermaßen bekannt. Er ist mein imaginärer Gesprächspartner, mein Liebling, mein Hassobjekt, mein Punchingball, mein Mülleimer, mein härtester Gegner, mein Kuschelmuschel. Unsere Dialoge sind imaginär, haben jedoch meistens einen realen Aufhänger im Außen. Herr Ausdemov zieht übrigens das v dem doppelten f vor, weil es so etwas adliger klänge. Das sagt eine Menge über seine Weltsicht und seine Haltung zum Leben und zu mir aus.

Die Gespräche mit den anderen Wesen sind zum Teil Zusammenfassungen aus realen Gesprächen in den sozialen Netzwerken und zum anderen Teil direkt von dort hier hinein kopiert.

Warum das alles? Weil es mir Spaß macht und weil es dir, der Leserin/dem Leser, vielleicht Freude und Anregung sein könnte.

Tierfotos

"Worte sind Hülsen, Bilder gefaked, ich verstehe langsam, warum man in all diesem Irrsinn Katzenbildchen quasi als Atempause empfinden könnte. Besonders, wenn es die eigenen Haustierchen sind.  Irgendwie vermitteln diese dann so eine niedlich friedliche Gewissheit. Also mach ich auch mal. So süß mein Haustierschneckchen!"

"Ähm, Frau Müller, diese Schnecke ist ein Monster. Sie hat den Kugelfischbestand auf null reduziert und fünf! Barsche gefressen. Da ist nix mit niedlich und friedvoll."

"Ach, verdammt, Sie müssen aber auch in jeder putzigen Unverfänglichkeit den Fallstrick finden, Sie oller Griesgram. Immerhin ist sie mehrfache Mutter!"

"Ja, sie gebiert am Fließband, damit die Vorratskammer mit Häppchen immer gefüllt bleibt."

"Sie ist die Königin!"

"Sag ich doch, Frau Müller, sie ist eine meuchelnde Despotin und macht alles platt, was ihr mundet."

"Aber, die Putzerfische. Die leben noch!"

"Nur als Sklavenarbeiter, die ihr Haus sauber halten dürfen."

"Das ist ihr Job und ihre Bestimmung!"

"Ach ja, und wer hat das festgelegt. Dieses Argument ist ja nun so alt wie die Geschichte der Menschheit und hat einen Bart, in dem sich Unrecht, Unterdrückung und Ausbeutung tummelnd im Reigen wiegen."

"Sie wollen jetzt nicht ernsthaft mit mir anhand eines süßen Haustierbildchen, dessen Anblick die Herzen erfreuen und erquicken soll, über so einen Scheiß wie Politik reden, oder?"

"War da nicht mal was mit `Alles ist politisch und keine Meinung haben, ist auch eine Meinung und Haltung nimmt man immer eine ein, egal ob man will oder nicht?"

"Sie sind ein Idiot. Ich hasse Sie! DAS IST NUR EIN SÜßES HAUSTIERBILDCHEN und sonst nix!"

Wach, oder nicht wach

„Wie bemerkt man, dass man noch gar nicht wach ist?“

„Na ja, indem man sich die Zähne mit der Hautcreme putzt. Im Hof steht zum Gassi gehen und bemerkt, dass man den Hund vergessen hat. Die Kaffeemaschine anmacht, ohne dass die Tasse drunter steht. Tippt, ohne Word geöffnet zu haben. Die Wäsche aus dem Wäschekorb automatisch in die Waschmaschine stopft, obwohl es die schon gewaschene ist. Die Plastikblumen wässert oder man die falsche Brille auf der Nase hat und fluchend versucht den Bildschirm neu zu kalibrieren, weil der anscheinend alles so verschwommen darstellt. Lauter so Zeugs halt. Ist Ihnen ja schon alles passiert, Frau Müller.“

„Stimmt. Ein Beispiel hätte aber auch gelangt. Müssen Sie jetzt nicht genüsslich drauf rum reiten. Egal. Heute Morgen ein Artikel über Nordkorea/Plutonium und ich lese IKEA statt IAEA (Internationale Atomenergieorganisation) und es fällt mir gar nicht auf. Ich nehme es einfach so hin. Erst unter der Dusche sickert  langsam, ganz langsam die Frage durch meinen Kopf, was hat bitteschön ein schwedisches Möbeldingsbums in Nordkorea zu suchen.  Das nenne ich einen Zustand des Nichtwachseins. Erschreckend.“

„Nun ja, Frau Müller, ich würde es eher einen Zustand des Informationsüberflusses nennen. Passiert einer Menge Leute auch in den Nachmittagsstunden oder überhaupt, egal ob sie müde sind oder nicht. Quasi zu viel Input und zu wenig Kapazität auf der inneren Festplatte zum Verarbeiten. Ein Zeichen unseres Informationszeitalters.“

„Ähm. Okay, ich brauch jetzt erstmal einen Kaffee, bevor ich das weiter diskutiere.“

„Die TASSE Frau Müller, die Tasse!“

Überraschung

„So wenig Sonne im Winter. Ich nehme jetzt Vitamin D3 Tabletten.“

„Deswegen strahlen Sie so von innen, Frau Müller!“

„Wollen Sie irgendwas Bestimmtes von mir? Oder haben Sie was angestellt und wollen beichten?“

„Wie kommen Sie denn darauf? Kann ich Ihnen nicht einfach nur mal ein Kompliment vor die Füße legen?“

„Nöh. Erstens können Sie durch all meine Fettschichten hindurch gar nichts von meinem inneren Leuchten erkennen und zweitens liegt es nicht in Ihrer Art, vor dem Frühstück Nettes in den Raum zu werfen. Also, was ist los?“

„Gar nichts ist los!“

„Wenn ein Mann dies in diesem Ton sagt, dann schrillen bei mir alle Alamsirenen. Also?“

„Sie sind nervig, Frau Müller! Aber gut, es gäbe da so eine Kleinigkeit.“

„???“

„Ich habe Ihnen ein Weihnachtsgeschenk besorgt.“

„Sie haben was? Gegen unsere Absprachen? Sie spinnen doch! Und riskieren Ihr Leben!“

„Na ja, aber.“

„Geben Sie es schon her, noch ist nicht Weihnachten. Also können Sie sich vor meinem Unmut gerade noch retten.“

„Aber!“

„Nix ist mit Aber. Her damit!“



„Oh, das ist ja sooooo süß! Sie kleiner Schlingel, Sie! Einfach so, ganz ohne Grund. Sie sind so lieb!“

„Jetzt strahlen Sie aber wirklich, Frau Müller!“

Weihnachtsgeschenke

„Frau Müller, was machen Sie da eigentlich die ganze Zeit?“

„Ich packe Geschenke für die Kinder ein.“

„Sie packen nicht ein, sondern sitzen schon zwei Stunden auf dem Boden und spielen.“

„Ja, aber die Sachen sind auch affengeil. Ein Stift, der mit mir spricht und dieses Auto, das ich steuern kann. So geil, so geil, so geil.“

„Früher gab es Nüsse und Mandarinen, vielleicht noch ein paar Kekse und ein Püppchen. Wir waren damit sehr zufrieden und glücklich!“

„Ach kommen Sie, Sie oller Miesepeter. Heute gibt es halt andere Sachen. Da, nehmen Sie mal die Fernsteuerung. Hallo, Sie sind ja ein richtiger Rennfahrer. Achtung, die Wand! Im Flur geht das noch viel besser!“


„Es geht nicht mehr. Jetzt ist es kaputt, Frau Müller!“

„Ne, die Batterien sind all. Sie spielen damit jetzt aber auch schon ne lange Weile rum.“

„Ah, jetzt geht es wieder!“


„Können Sie mir das Auto nun endlich geben? Zum Einpacken.“

„Och, Sie sind gemein, Frau Müller. Da nehmen Sie es halt. Trotzdem bin ich der Meinung, früher waren wir sehr zufrieden mit viel weniger Zeugs. Kann ich jetzt mal den Stift ausprobieren?“

„Aber nur kurz! Immerhin würde ich gerne noch frühstücken vor dem Mittagessen.“ 

Wäsche

"Frau Müller, was machen Sie da?"

„Ich stopf die Wäsche in den Trockner.“

„Sie haben aber schon mitbekommen, dass Sie heute Morgen vergaßen die Waschmaschine anzustellen? Ich würde die Wäsche ja erst waschen!“

„Upps, darum fühlt die sich so komisch trocken an!“

„Frau Müller, dazu sag ich jetzt nix.“

„Besser so! Sie riskieren sonst Ihr Leben!“

Allerlei 7

"Am Streuselkuchen mag ich aber nur die Streusel, auf den Rest verzichte ich."
"Aber beim Streuselkuchen ist es wie mit dem Leben. Sie können sich doch nicht immer nur die Rosinen raus picken. So funktioniert das nämlich nicht, Sie müssen schon das Gesamtpaket nehmen und goutieren."
"Frau Müller, können Sie nicht einfach mal irgendwas einfach so stehen lassen, ohne gleich in die ErhobeneZeigefingerKiste zu greifen?!"
"Nöh."
"Na gut, dann geben Sie mir halt das ganze Stück. Ich werde es wohl überleben."

„Oma! Ich kann so gar nicht schlafen!“
„Du könntest Schäfchen zählen. Das soll helfen.“
„Oma, du sagst Quatsch. Es ist doch dunkel draußen, da kann ich keine Schäfchen zählen. Ich sehe die doch gar nicht.“
„Mama, warum erzählt die Oma denn so einen Quatsch?“
„Ich weiß nicht. Frag sie doch selbst.“
„Vielleicht, weil sie schon so eine urururalte dicke kleine Oma ist?“

Wie schön, dass man dann ganz gelassen wie ein Jungspund die Treppe hinunterhüpfen und die Tür hinter sich schließen kann.

‎"Was ich ja nicht verstehe ist: Die Anzahl der Singlehaushalte
steigt. Gleichzeitig steigen auch die Angebote und die Preise
für Kleinpackungen. Da ist immer weniger drin und es wird
immer teurer. Das ist doch idiotisch.“
"Ne, Frau Müller, das ist Marktwirtschaft."
"Ähm, das ändert ja nun nix an der Idiotie, oder?!"

"Was machen Sie denn da, Frau Müller?"
"Ich such und finde nicht."
"Aha."
„Nix Aha, das ist wichtig. So für die Balance.“
"Also gut, sagen Sie schon, was suchen Sie denn nun?"
"Was Lustiges! Ich wollte mich heute mal nur mit Lustigem beschäftigen. Lachen, einfach nur lachen. Aber ich find nix. Nur Mord und Totschlag und Krieg und depperte Nachrichten für ebensolche Leute."
"Hahaha, Sie sind ja lustig, Frau Müller. Wo Sie aber auch suchen.“

„Was schleppen Sie da denn schon den ganzen Morgen auf den Dachboden, Frau Müller?“
„Ich sortiere meine Horror- und Gruselromane aus und pack sie in Kisten nach oben.“
„Warum denn das? Ich dachte bisher, dass Sie sie gerne ab und an lesen.“
„Ja, früher fand ich die ganz gut. So als Ausgleich, für die innere Balance. Der Schatten musste gefüttert werden, die innere Bestie brauchte ab und an ihre Häppchen zur Besänftigung.“
„Ach, hat sich daran etwas geändert?“
„Ne. Aber ich brauch dafür jetzt keine Bücher mehr. Es langt, wenn ich mich durch die Nachrichten klicke. Die Realitäten haben die schwärzesten literarischen Fantasien längst überholt. Da kommt kein Horrorthriller mehr mit.“  

Universen

„Frau Müller, Sie appellieren wirklich an die Menschlichkeit der Menschen, die durch ihre Habsucht und Gier doch die Fluchtursachen erst geschaffen haben? Sie sind schon ein wenig naiv, oder?“

„Na ja, aber, es könnte doch sein, dass …“

„Nein, Frau Müller, da war nichts, da ist nichts, und da wird auch niemals etwas sein können. Denen, die an Krieg und Ausbeutung verdienen, gut verdienen, denen gehen diese Menschenleben ganz und gar am Arsch vorbei. Meinen Sie, das macht für einen von denen einen Unterschied, ob der Mann, die Frau, das Kind elendig ertrinkt, oder von einem Maschinengewehr geschreddert oder von einer Bombe zerrissen wird oder sich unter abscheulichen Bedingungen zu Tode schuftet? Das ist denen egal. Das sind Kollateralschäden, Abfälle, Späne, Restmüll. Sie verstehen nicht, dass die Gewinnler und Abkassierer und ihre Handlanger da gar keine menschlichen Subjekte wahrnehmen, nie wahrgenommen haben. Das sind, wenn überhaupt nur ein Gedanke dran verschwendet wird, maximal Arbeitskräfte, Konsumenten, Wähler, Kanonenfutter, Zahlen auf den Papieren, frei verfügbare Objekte fürs eigene Geschäft und den eigenen Machterhalt. Mehr nicht. Das ist das, was Sie und viele andere mit einem gänzlich anderen Menschen- und Weltbild einfach nicht verstehen wollen. Sie bewegen sich in zwei völlig unterschiedlichen Universen. Da gibt es keine Schnittstellen. Gar keine.

„Ich weigere mich, ich weigere mich schlichtweg, das so zu sehen. Ich weigere mich!“

„Das können Sie gerne tun. Es ändert jedoch nichts.“

„Sie sind ein Arsch. Sie sind so ein verdammter Arsch!“

Therapie und Gesellschftskritik

„Das Ziel einer jeden heilenden oder therapeutischen Dienstleistung ist es, die eigene Tätigkeit in Bezug auf das Gegenüber überflüssig zu machen. Du arbeitest quasi mit dem Ziel deiner eigenen Arbeitslosigkeit. Das ist so gaga, dass es schon wieder wunderbar ist.“

„Das ist jetzt aber ein wenig platt, Frau Müller. Denn da stehen ja noch hundert andere in der Warteschleife.“

„Ach ja? Und was bedeutet das? Die Gesellschaft produziert meine Klientel. Was sagt mir das über diese Gesellschaft? Eben! Wenn ich aber die obige Aussage ernst nehme, nämlich meine Tätigkeit überflüssig zu machen als wesentlichen Wesenszug meiner Tätigkeit anzusehen, dann würde dazu doch auch gehören mich mit den Produktionsfaktoren von seelischen und somatischen Krankheitsbildern kritisch auseinanderzusetzen und mich gesellschaftspolitisch einzubringen.“

„Quasi ein der Tätigkeit zugehöriges gesellschaftskritisches oder politisches Mandat der heilenden Berufe?“

„Jepp, fein formuliert! Das sollten sich die Ausbildungsinstitute in diesen Bereichen mal langsam auf der Zunge zergehen lassen.“

Spontane Besuche auf dem Land

„Wissen Sie, was mich am Landleben wirklich ankotzt: Kaum jemand kommt einfach mal so vorbei, immer nur mit Voranmeldung. Als ich mitten in der Stadt wohnte, da war meine Wohnung wie ein Bahnhof, laufend schaute jemand rein. Ich will gestört, genervt, besucht, überrascht werden. Die Klingel soll so oft bimmeln, dass es einfacher wäre, die Tür wieder, wie früher, einfach offen zu lassen.“

„Nun, das hat wohl weniger mit dem Landleben, denn mit geänderte Gewohnheiten und Umständen zu tun, Frau Müller. Zeit ist knapp und muss logistisch verwaltet werden. Hinzu kommen die neuen Medien, da muss man nicht wegen jedem Plauderbedürfnis das Haus verlassen.“

„Zeit ist Zeit und der Tag hat immer noch 24 Stunden. Wir schaffen uns doch nur selbst diesen vermeintlichen Zeitdruck. Und kommen Sie mir nur nicht damit, dass Plaudern am PC die gleiche Qualität hätte wie ein reales Gespräch am Küchentisch mit Kaffeeduft und kleinen Häppchen. Da liegen doch Welten dazwischen. Nein, es hat wirklich damit zu tun, dass man entweder mit Auto oder gar mit den Öffentlichen zu mir kommen müsste. Und dann so einen Aufwand zu betreiben, nur um festzustellen, dass ich nicht Zuhause bin, das schreckt jedwede Form von Spontanität ab. Also ruft man vorher an und macht nen Termin aus.“

„Und was kann man da jetzt machen?“

„Nix. Ich kann ab und an ein wenig Jammern und auf dem Thema rumreiten. Entknotet zumindest irgendwelche Spannungen und Affektstaus in mir.“

„Und mich nervt es, Frau Müller!“

„Ach? Wirklich? Sehen Sie, dann haben wir doch beide was davon.“

Spießer

„Guten Morgen, der Herr, haben Sie heute Morgen Hummeln im Hintern, oder warum wandern Sie so zappelig hin und her?“

„Nein, ich bin am Nachdenken, das geht eben in Bewegung besser. Aber, wenn Sie schon mal da sind: Was fällt Ihnen zum Begriff `Spießer´ ein, Frau Müller?“

„Wie kommen Sie denn jetzt auf diesen altmodischen Begriff?“

„In Ermangelung ansprechend aktueller Zu-Bett-Geh-Literatur hab ich in den letzten Tagen dem ewigen Spießer von Ödön von Horváth nochmals meine nächtliche Aufmerksamkeit geschenkt. Seitdem kugeln durch meinen Kopf zwei Begriffe, nämlich Spießer und Lebensfreude und ich bekomm sie nicht in eine kausale Reihung.“

„Nun ja, der klassische Spießer mit all seinem Dünkel, seiner Willfährigkeit gegenüber Autoritäten, seinem beharrlichen Beharren auf dem DasWarSchonImmerSo und seiner Abneigung gegen alles AndersSein und der Neigung zum gehässigen Klatsch und Tratsch scheint doch ganz offensichtlich einen erheblichen Mangel an Lebensfreude zu haben. Wo ist da das Problem?“

„Jein, so ganz stimmt das eben nicht, Frau Müller. Denn Lebensfreude ist doch kein klar definiertes Objektives, sondern immer recht subjektiv definiert. So kann ich mir schon vorstellen, dass der Herr XY, wenn er Küchlein und Süßigkeiten schmatzend auf dem Sofa liegt und das RTL Nachmittagsprogramm goutiert, auf Nachfrage aus tiefster Überzeugung bestätigen würde, dass ihm das Freude bereitet. Ebenso, wenn Frau XZ sich auskreischend aus dem Fenster lehnt und spielende Kinder vom Hof verweist. Es macht ihr Freude. Denn warum sonst sollte sie es denn tun?“

„Aber, aber, Sie haben ja Knoten im Gehirn. Bei den von Ihnen genannten Beispielen handelt es sich doch eher um eine, die innere Leere und Trostlosigkeit kaschierende, Scheinfreude. Eine kunstvolle Form der Selbstverarschung, wenn Sie mir diesen saloppen Begriff hier mal erlauben. Lebensfreude umfasst doch vom Begriff her viel mehr als kurzfristige Entlastung durch wie auch immer geartete scheinfreudige Betätigung. Im Begriff Lebensfreude steckt doch die Freude am Leben an sich. Am eigenen und am Leben aller anderen Wesen. Da steckt so viel positive Energie drin, Spaß an allem Neuen, Neugierde auf das Sein des Anderen. Lebensfreude begrüßt Veränderungen als die dem Leben lebenspendende Energie. Und, sie will sich teilen, will andere anstecken, will alle Welt mit sich selbst bereichern, will …“

„Stopp! Echauffieren Sie sich doch nicht gleich so. Sie kommen ja ins Schwärmen und Schwitzen vor lauter Begeisterung, Frau Müller.“

„Jepp. Lebensfreude pur! Bleiben Sie stehen, dann steck ich Sie an. … … Jetzt bleiben Sie doch schon stehen!“    

Allerlei 6

"Frau Müller, Sie sollten das heute mit der Putzerei einfach lassen! Schlechte Ausstrahlung und so. Sie haben jetzt schon mehr zerdeppert als gereinigt"
"Okay, okay. Ich brauch noch nen Putzmann. Damit wäre ich glaube ich jetzt schon bei drei oder vier zusätzlichen Kerlen, einen Chauffeur, Masseur, Assistent, Sekretär."
"Ähm, Frau Müller, die Mehrheit der Frauen kommt ganz gut mit einem Mann klar."
"Sicher, wenn er die Kohle hat für Chauffeur, Masseur, Assistent, Sekretär, Putzmann. Noch besser allerdings, Frau hätte die Kohle selbst.“
"Frau Müller, das klingt jetzt aber nicht sehr emanzipiert!" 
"In dem Fall: Scheiß drauf!"

„Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“
 „Ach, waren die jemals weg? Kurz gemeinsam austreten, oder was?“
„Nun, Frau Müller, es lässt sich ja nun nicht leugnen, dass Rassismen im alltäglichen Sprachgebrauch immer häufiger ohne auch nur das leiseste Zucken sowohl produziert als auch toleriert werden. Wenn es überhaupt noch jemanden auffällt.“
„Richtig ist: Zurzeit haben die Menschenfänger Hochkonjunktur. Immer mehr Menschen geht es real dreckig. Doch es ist einfacher und für die eigene Psyche entlastender nach unten zu treten denn nach oben sich aufzulehnen. Denn dafür bräuchte es ja Eier in der Hose, sprich Zivilcourage. War schon immer Mangelware in meinem Land.“
„Das klingt nach Pessimismus, Frau Müller.“
„Ne, eben nicht. Sie sollten mir schon genau zuhören, ich rede ja nicht ohne nach zu denken. Ich sprach von „Mangelware“, nicht davon, dass die Regale leer sind. Da sind schon noch genug Menschen, die den Mund aufmachen und immer wieder laut und deutlich hinzeigen, drauf deuten, sich in den Weg stellen. Trotz alledem und gerade deswegen! Also, Kopf hoch und sich nicht erschüttern lassen.“

„Du kannst das arme Ding doch nicht an den Haaren die Treppe runter schleifen!“
„OMA, das ist doch nur eine Puppe! Mama, die Oma glaubt wirklich, das würde der Puppe weh tun. Die Oma ist aber dumm.“

"Ganz großes Kino, wenn Frau Müller versucht neue, warme Einlagen in die Winterschuhe zu fritzeln, dann nicht mehr in den Schuh reinkommt, vor Nachdenken ihr Köpfchen qualmt, die armen Schuhe mehrmals wild durchs Zimmer an die Wand segeln und sie dann nach einer geschlagenen dreiviertel! Stunde drauf kommt, dass die alten Einlagen ja noch drin sind. Griechisches Drama in Vollendung. Leider in den frühen Morgenstunden, so dass dem hingebungsvollen Zuschauer ein köstlicher Whiskey und eine Zigarre beim im Sessel ruhenden Genießen fehlen."
"Sie oller Verpetzer, Sie!"
"Nun, manchmal brauch ich auch so meine Highlights am Tag."

"Sind Sie auch Fußballfan, Frau Müller?"
"Klar! So eine EM ist was Feines. Meditationswochen pur."
"Ähm?"
"Dreimal am Tag Tiefenentspannung. Nach zwei Minuten konzentrierter Ballverfolgung auf dem Bildschirm schaltet mein Gehirn in den Om Zustand und ich verliere mich in mir. Das ist besser als jedes Licht oder Atem Intro. Wunderbar. Ich liebe Fußball!"

"Sommerobst: Prall, weich, saftig. Wenn du rein beißt, tropft dir der süße Saft das Kinn runter und du suckelst das Fruchtfleisch schlürfend in dich rein."

"Oh ja, jetzt wo Sie es sagen, erinnere ich mich. Da war was. Für das Sommerobst aus dem Supermarkt brauchst allerdings seit Jahren ein Zweitgebiß mit Stahlkappen. Die reinste Verarschung."

Smaltalk mit KleinMadame im Auto

"Deine Mama tanzt auch."

"Aber Oma, mein Tanzen ist viel schwieriger. Das können nur Kinder. Mama kann das nicht. Und du auch nicht."

"Na ja, Erwachsene können auch tanzen. Ist nur anders."

"Oma, ich wachse doch. Ich bin g e w a c h s e n!"

"Ja klar bist du gewachsen. Ich meine aber Erwachsene. So wie deine Tanzlehrerin."

"Die kann aber nicht tanzen. Die ist doch kein Kind!"

"Ja, sie tanzt eben wie eine Erwachsene."

"Hab ich doch gesagt. Die kann nicht tanzen. Das können nur Kinder. Weil es sooooo schwierig ist. Sie wächst ja auch nicht mehr."

"Erwachsene wachsen auch. Mehr innerlich, weißt du."

Sie denkt nach. Es qualmt quasi.

"Deswegen bist du so dick, Oma?"

Alles wird gut

"Sie sagen mir viel zu oft 'Alles wird gut!', Frau Müller."

"Na ja, wenn es noch nicht gut ist, dann war es eben noch nicht Alles. Dann kommt da noch was. Und dann ist es irgendwann halt gut."

"Und was ist mit dem Sterben?"

"Der Tod macht keine Unterschiede. Ihm sind alle gleich. Das ist doch gut, oder?"

"Aber das Sterben! Das Wie und das Warum ist hier doch nicht gleich. Zu viele verrecken elendig und sterben viel zu früh und aus den widerlichsten Gründen. Das ist nicht gut!"

"Richtig, das ist nicht gut. Das war aber auch noch nicht Alles. So viele Menschen, weltweit ringen doch darum, dass sich das ändert. Auch wenn es uns, die wir mitten drin stehen, oft nicht so erscheint, da bewegt sich doch langfristig eine Menge. Und irgendwann wird es anders und gut sein."

"Manchmal verstehe ich Sie nicht, Frau Müller!"

"Eben. War ja auch noch nicht Alles. Da kommt bestimmt noch was."

Verlinken

„Sie könnten ruhig mal wieder selbst ein paar Texte schreiben anstatt nur Artikel zu verlinken, Frau Müller!“

„Ja, könnte ich. Habe ich aber gerade keine Zeit dafür. Häng zu sehr drin im realen Leben und schlafen muss ich auch ab und an.“

„Ausreden. Einfach nur Ausreden!“

„Wissen Sie was, Sie können mich mal. Außerdem muss ich das Rad nicht laufend neu erfinden. Viele Menschen schreiben gute Texte, da muss ich nicht noch einen draufsetzen.“

„Aber, Sie könnten, Frau Müller. Sie könnten, wenn Sie es denn wollten.“

„Steilvorlage. Ich kann, was ich will, aber ich muss nicht wollen, was ich kann!“

„…“

„Hah! Noch ein Käffchen?“ 

Selbstgespräche


„Was murmeln Sie eigentlich die ganze Zeit vor sich hin? Sprechen Sie mit der Kaffeemaschine? Oder gar mit sich selbst?“

„Ich murmle nicht. Ich führe ein interessantes Gespräch.“

„Mit sich selbst? Sie werden alt, Frau Müller.“

„Nun, da die Beziehung mit einem selber die Grundlage für alle anderen Beziehungen ist, kann man schon, in Ermangelung eines kompetenten Gegenübers, ab und an mit sich selbst tiefgründige Gespräche führen. Es erheitert und nährt die Seele.“

„Das war jetzt nicht nett, Frau Müller. Das mit der Ermangelung. Das trifft mich tief.“

„Nett? Ich bin niemals nett. Allein diesen Begriff als ein Attribut meiner Persönlichkeit auch nur anzudenken, disqualifiziert Sie als kompetentes Gegenüber. Nett ist vielleicht der Hausmeister, wenn er die Glühbirne für mich im Flur eindreht. Obwohl das auch da nicht passt, denn es gehört ja zu seinem Job. Nett. Igggiiittt. Das fällt so in die Kategorie Er-hat-sich-stets-bemüht. Nett ist Mittelmäßigkeit pur. Ich will nicht nett sein.“

„Ist ja gut. Ich habe es verstanden. Kann ich jetzt endlich meinen Kaffee bekommen?“

„Gleich, ich muss erst noch das Gespräch zu Ende führen, das Sie ja gerade willkürlich unterbrochen haben. Es wäre unfreundlich so mitten drin einfach aufzuhören. Also gedulden Sie sich bitte noch einen Moment. Sie könnten ja in der Zwischenzeit schon den Toaster anwerfen. Das wäre nett.“

Schneemanns Tod

„In den frühen Morgenstunden lag er schmelzend am Boden. Eine Nacht, nur eine Nacht war ihm vergönnt. Wir gedenken seiner in tiefer Traurigkeit.“

„Frau Müller, man kann es auch übertreiben!“

„Sie nehmen mich nicht ernst! Ich erinnere mich sehr wohl daran, wie sehr es mich als Kind erschüttert hat, dass mein weißer Freund, dem ich das Leben schenkte mit eiskalten Händen und zitternden Fingerchen, so brutal aus seinem Leben gerissen wurde. Die erste Lektion zum Thema Vergänglichkeit. Und so schmerzhaft. Ich heulte Rotz und Wasser. Dachte ich bis dahin noch, meine Erwachsenen seien machtvoll, den Göttern gleich, so stürzten sie nun hinab. Sie konnten ihm nicht helfen und machten ihn nicht heil. Was weiß man denn als kleiner Fratz schon von Temperaturen und Schmelzpunkten. Es war ungeheuerlich und ungerecht.“

„Dramaqueen! Können wir jetzt vielleicht ohne weiteres Geheul endlich frühstücken, bitte?“

„Sie sind kalt, so eiskalt. Und werden trotzdem niemals, niemals so ein wunderschöntoller Schneemann werden!“

Rauhnächte

„Längste Nacht, Wintersonnenwende, Winteranfang, Beginn der Rauhnächte. Eine ganz besondere Zeit, Frau Müller.“

„Und nur noch drei Tage zum Einkaufen. Haben wir eigentlich schon den Nachtisch für Montag besorgt?“

„Jesses, Sie sind ja so prosaisch, Frau Müller. Wussten Sie, dass das, was man in den Rauhnächten träumt, im nächsten Jahr wahr wird?“

„Nun, dann sollten Sie besser nicht einschlafen.“

„Wieso das denn? Ich träume nur schöne Sachen. Alles in hellen Pastellfarben und kuschelig heimelig.“

„Jetzt haben Sie mir den Tag versaut, weil ich nun Bilder von Politikern in hellgrünen Anzügen, mit blassrosa abgesetzten Krawatten im Kopf habe, die in sanften Blautönen gefärbte Blubberblasen von sich geben, in denen sich weichgezeichnete bunte Einhörner spiegeln. Die könnte man doch nicht mehr ernst nehmen.“

„Ach, konnte man das je?“

„Was ist nun mit dem Nachtisch?“

Bilder

"Frau Müller, Sie könnten mal Ihr Profilfoto ändern. Immerhin sind Ihre Haare jetzt ja mehr Natur!"

"Erstens geht Sie das überhaupt nix an und zweitens bin ich noch nicht so ganz entschieden, ob ich die nun endlich in Natur belasse. Und ich habe keine Lust, laufend auf all meinen Seiten das Erkennungsfoto zu verändern. Ich hab ja noch mehr zu tun."

"Aber..."

"Nix aber. Und dann, dann kommt ja auch noch mein Geburtstagsgeschenk im Juni zum Zuge. Da gehe ich nämlich zum ersten Mal in meinem Leben in einen Schönheitssalon. Und wenn die das nicht verpfuschen, dann mach ich neue Fotos. Punkt. Aus. Ende."

"Nun, das ist ja wirklich etwas ganz Neues. Sie geben Ihrer weiblichen Seite endlich Raum. Da bin ich aber sehr gespannt und werde mich bis dahin in Geduld üben."

"Sie könnten sich mal in Zurückhaltung üben. Und kommen Sie mir nicht mit weiblicher Seite. Was soll denn das sein? Sie leben doch hinterm Mond. Das färbt auf Ihr Denken ab. Männlich, weiblich, irgendwas. Ich bin viele und wir leben ganz vergnüglich friedlich miteinander. Da gibt es nicht diese oder jene Seite. Da gibt es nur Wir als Ich."

Pisseln im Schnee

„Nun, es gibt halt Unterschiede zwischen Männer und Frauen, Frau Müller!“

„Ja, die gibt es.“

„Na also!“

„Oder auch nicht.“

„Häh?“

„Früher dachte ich, der größte Unterschied sei, dass ein Mann ohne großen Aufwand ein wunderschön feinfühliges Gedicht in den unberührten Schnee im Hof pinkeln kann. Bis ich meiner kleinen Enkelin zusah. Es gibt anscheinend so Techniken. Die kleinen Wesen sind so kreativ.“

„Gibt es eigentlich Dinge, die ihr Weibsen euch nicht erobert? Müsst ihr uns alles nachmachen? Es beschädigt das Natürliche und verletzt mein Mannsein!“

„Tschuldigung, dass ich Ihnen jetzt den Kaffee übern Tisch geprustet habe. Sie sind manchmal so niedlich. Sie haben es aber auch schwer, so als männlicher Mann. Sie armes Hascherl.“ 

Optimismus

„Hören sie mal, welch ein schöner Text von dem Martin Lütz: Wenn man als Psychiater und Psychotherapeut abends Nachrichten sieht, ist man regelmäßig irritiert. Da geht es um Kriegshetzer, Terroristen, Mörder, Wirtschaftkriminelle, eiskalte Buchhaltertypen und schamlose Egomanen – und niemand behandelt die. Ja, solche Figuren gelten sogar als völlig normal. Kommen mir dann die Menschen in den Sinn, mit denen ich mich den Tag über beschäftigt habe, rührende Demenzkranke, dünnhäutige Süchtige, hochsensible Schizophrene, erschütternd Depressive und mitreißende Maniker, dann beschleicht mich mitunter ein schlimmer Verdacht: Wir behandeln die Falschen! Unser Problem sind nicht die Verrückten, unser Problem sind die Normalen.“

„Frau Müller, diese "Erkenntnis" ist wohl schon so alt, wie die Menschheit als solches. Nur, geändert hat sich daran in über tausend Jahren sozio-kultureller Entwicklungsgeschichte nie nichts.“

„Steter Tropfen höhlt den Stein, deshalb wiederhole ich diese Erkenntnis halt die nächsten hundert Jahre immer wieder. Irgendwann greift es, ich bin da total optimistisch.“

„Liebe Frau Müller, nach tausenden Jahren sollte man vielleicht endlich den Mut haben zur Erkenntnis, dass Menschen nun einmal von Grund auf schlecht sind. Ihr Engagement und Ihren Optimismus in Ehren, aber in hundert Jahren verweilen wir beiden längst anderswo und, dann kann es uns egal sein.“

„Oh, mein Optimismus reicht für die Ewigkeit und mein Mut ist grenzenlos und meine Gewissheit, dass der Mensch ein wunderbares Wunder mit einem riesigen, bisher ungenutzten Potential ist, ist tiefer als die tiefste Tiefe und egal ist mir nix und wird es auch nie sein.“

Allerlei 5

„Sie schreiben seit Tagen aber nur Kritisches und berichten nur über erschreckende Missstände, Frau Müller. Wäre nicht mal wieder etwas Erheiterndes angesagt?“
„Ne, denn eigentlich sehe ich das gar nicht so schwarz – weiß, wie Sie. Denn alleine, dass ich meine Meinung frei und öffentlich zu Dies und Jenem äußern kann, dass ich Zugriff auf eine Vielfalt von, auch widersprüchlichen,  Informationsmedien habe, dass so viele Menschen meine Beiträge lesen und auch noch mit mir darüber frei kommunizieren können, und das alles ohne einen lebensbedrohlichen Nachteil für mich, für sich und die Ihrigen befürchten zu müssen, also, ich finde ja, das ist ausgesprochen erfreulich und sehr erheiternd. Und egal was ich schreibe und welches noch so elendige Thema mich gerade umtreibt – ich habe immer dieses Lächeln ob dieser Freiheit in mir. Denn ich weiß genau, wie es ist, wie es sich anfühlt, was es mit einem macht wenn es diese Möglichkeit der freien Kommunikation nicht gibt.“
„Sie sind schon etwas verschroben, Frau Müller!“
„Jepp.“

"Ich hasse es, wenn ich durchs ganze Haus rennen muss um mein Telefon zu finden. Außerdem ist es saukalt und wenn ich jetzt nochmal in eine tote Maus trete, dann nagel ich den Kater an die Wand!
"Es ist eine Freude, Sie morgens so gutgelaunt zu erleben Frau Müller, besonders wenn Sie erkältet sind!"
"Na und, ich darf auch mal miese Laune haben, oder? Ich bin ja keine Maschine."
"Wie müsste ihre kleine Welt denn heute Morgen sein, damit Sie wieder strahlen?" 
"Ähm, sie ist doch okay, so wie sie ist. Ich will nur mal nöhlen und knotern und miesepetrig sein. Ich finde ja, das ist ein Menschenrecht. Streiten auch. Wollen Sie sich mit mir streiten?" 
"Nein danke, Frau Müller, ich trink lieber in Ruhe meinen Kaffee."
"Boah, sind Sie langweilig."

„Na der UnterhaltungsBücherStapel rund um Ihre Schlafstätte und im Lesegerät hat sich aber in den letzten Nächten rasant verkleinert. Da war wohl viel Vergnügliches dabei, Frau Müller?
„Ne, nicht wirklich. Schauen Sie, es gibt im Unterhaltungsbereich zwei Arten von Büchern: Da sind diejenigen, da bist du vom ersten Absatz an gefangen. Da liest du dich durch von Satz zu Satz bis zum Schluss. Da würde es auch keinen Sinn machen vor zu blättern oder gar vorher schon mal das Ende kurz anzulesen, weil du gar nix verstehen würdest. Da ist Entwicklung drin, Überraschung, Unverhofftes. Da biste platt am Schluss und bekommst Schnappatmung bis zum letzten Punkt. Lesegenuss pur. Und dann gibt es die Bücher, da krebst du durch die ersten zwei Kapitel, überblätterst drei und merkst, dass da nicht viel bis gar nix passiert ist und liest dann den Schluss vorab und denkst dir, upps, das war ja schon nach den ersten drei Absätzen abzusehen.
Es scheint mir, die letztere Art der Publikationen vermehrt sich wie die Karnickel. Kein Lesegenuss. Vergeudete Zeit. Da helfen auch nicht die sprachlich etwas niveauvolleren VorabRezensionen. Bei den letzten Büchern war das schlichtweg durchgängig ein Griff ins Klo. Und nein, damit meine ich wirklich nicht die immer häufiger, vor allem im E-Book Bereich anzutreffende mangelnde (liebevoll formuliert) Rechtschreibung, Grammatik oder so. Ich bin da großzügig und wohlwollend. Ich hatte schon Bücher, da war das Lektorat himmelschreiend gruselig bzw. wurde wohl gar nicht in Anspruch genommen und trotzdem war es ein kurzweiliges Lesevergnügen, da Plot und Aufbau umwerfend waren.“
„Also doch ab und an wieder die Klassiker?“
„Ja, manchmal sind das für mich Erholungspausen in warmen Gefilden, baden in unendlichen Sprachvariationen und staunender Genuss in der Erkenntnis, was man alles mit unserer Sprache machen kann. Ist wie ein Durchatmen.“

Allerlei 4

"Frau Müller, könnten Sie bitte auch mal was über Klima und so?"
"Klar: Wird das dieses Jahr eigentlich was mit dem Eiswein?"

"Frau Müller, Sie können besorgte Bürger doch nicht Pupser nennen!"
"Ähm. Doch. Kann ich."

„Schenken Sie mir heute etwas, Sir?“
„Was möchten Sie denn, Frau Müller?“
„Ihr Lachen, schenken Sie mir Ihr Lachen.“
„Das kann ich Ihnen nicht schenken, denn das gehört ganz mir.“
„Aber, ich höre es doch so gerne!“
„Dann lassen Sie doch Ihres fliegen, Frau Müller, und es sich mit meinem spielend treffen.“

„Boah, da zackere ich jetzt drei Stunden mit meinen Blogs rum, weil nix funktioniert, mein Gehirn raucht, mein Grummellevel steigt und steigt und dann geh ich zwei Minuten ins richtige Forum, mach dann einen von dort angeratenen Klick im Browser und alles funktioniert. Jesses, manchmal sitz ich auf allen Leitungen.“
"Ähm, Frau Müller, wie wäre es nächstens direkt bei kompetenten Leuten nachzufragen? Würde ne Menge Energie sparen.“
 „Hah, ich mag aber nicht um Hilfe fragen für so einen Pipifax, verdammicht."
"Na denn, dann sollten Sie sich aber auch nicht mehr über verschwendete Zeit und Energie aufregen."
"Ich reg mich überhaupt net auf!"
"Nöh, Sie nöhlen nur seit drei Stunden rum und halten das Ganze sogar für ein Posting wert. Sie sind seltsam verquert, Frau Müller."

"Manchmal schiebe ich das ganze PolitGerede der HerrDamenschaften einfach beiseite und frag mich: Würde ich dem oder der meine Kinder anvertrauen?"
"Frau Müller, das ist ja wohl nun kein sachgerechtes Argument. Aber klar, Frauen kaufen ja auch ein Auto nach dem Kriterium ob die Farbe und die Bezüge zum Inhalt des Kleiderschrankes passen."
"Ähm, und was ist daran nun falsch? Spritverbrauch, Umweltschutz, Produktionsbedingungen, Handlichkeit etc. hab ich doch schon vorher überprüft"

„Mein Monitor geht nicht."
„Haben Sie ihn denn eingeschaltet, Frau Müller?“
„Ja, natürlich!"
„Dann schalten Sie ihn doch bitte nochmal aus."
„ Ah, jetzt geht er wieder."

„Meine Form des Minimalismus oder der modernen Askese ist, aus der Not eine Tugend zu machen.“
„Was natürlich Quatsch ist, Frau Müller! Beides würde eine bewusste Entscheidung verlangen und diese wiederum eine Wahlmöglichkeit. So wie Sie finanziell aufgestellt sind, haben Sie zumindest letztere nicht.“
„Aha. Wenn meine finanzielle Situation aber auch die Folge von bewusst von mir getroffenen Entscheidungen ist, was dann?“
„Dann wäre es ja keine Not und somit könnten Sie daraus auch keine Tugend oder sonst was Dubioses machen.“
„Sie bringen mich noch um den Verstand, Sir!“
„Im Gegenteil, ich schärfe ihn.“

Mathe

„Oh, diesen Lösungsansatz hier verstehe ich nicht.“

„Nun, soweit ich mich erinnere, waren Sie auch keine Leuchte in Mathe, Frau Müller.“

„Das kann man so nicht sagen, verehrter Sir Ausdemov. Immerhin bin ich voller Elan und Freude bis zum Schulschluss zur jeder Klassenarbeit erschienen und habe immer eine Menge ausgefüllter Blätter abgegeben.“

„Aber Ihre Noten waren in dem Fach nicht besonders gut, oder?“

„Das kann man so und so sehen. Die Kommentare unter den Arbeiten haben mir immer gefallen: „Ergebnis falsch, aber die Kreativität beim Lösungsweg ausgesprochen unkonventionell und sprachlich einwandfrei.“

„Es war aber nicht der Deutsch, sondern der Mathematikunterricht!“

„Na und?! Also wenn da so eine Textaufgabe war, so als Beispiel: Du hast 500,- Mark und legst die bei einer Bank zu einem Jahreszins von 5% an, wie viel Geld hast du dann nach fünf Jahren?“, dann habe ich in etwa so geantwortet: Wenn ich 500 Mark hätte, dann würde ich erst mal die Schulden bei Peter (50,--), Hannelore (8,--) und am Kiosk (12,48) bezahlen. Von den restlichen 429,52 würde ich 200,-- dem Klaus leihen (damit er endlich seine Stromrechnung bezahlen könnte) und mir die tollen festen Halbstiefel bei Hako für 60,- kaufen und anschließend mit Anke und Andrea Kaffeetrinken (10.--,  mit Trinkgeld) gehen. Die 0,52 Pfennig würde ich in das Pfennigschwein werfen und mit den 150,-- würde ich (ausgesprochen reich) für mindestens sieben Wochen nach Griechenland trampen. Es bliebe also kein Geld für die Bank übrig und damit erübrigt sich in diesem Fall auch die Zinses und Zinseszinsrechnung in diesem Falle. Mathematik war da aber ne Menge dabei.“

„Damit und so kommt man in der Schule aber nicht weiter, Frau Müller!“

„In der Schule vielleicht nicht, im Leben aber schon!“

Leitkultur

„Ich bin Heidrun Müller!“

„Ähm, Frau Müller, das wissen wir.“

„Ja, ich wollte es nur noch mal betonen. Damit nicht der Verdacht aufkommt, ich sei vielleicht Burka.“

„Wer ist Burka?“

„Eben. Also ich nicht, nur damit das klar ist.“

„Ich verstehe es immer noch nicht, Frau Müller.“

„Vielleicht sollte ich auch noch Folgendes erwähnen: Meine Allgemeinbildung ist ausreichend fundiert; mit dem kapitalistischen Leistungsgedanken konnte ich mich noch nie anfreunden; mit deutscher Geschichte kenne ich mich so gut aus, dass ich sehr genau weiß, was so aktuell läuft in meinem Land; meine Freundschaften zu Menschen, die in Israel leben, ist ungetrübt und ich verwechsle sie nicht mit der Politik des israelischen Staates; Glauben halte ich für Privatsache und mit Patriotismus konnte ich nie etwas anfangen. Kulturellen Reichtum finde ich in allen Kulturen und als Weltbürgerin sind mir sogenannte West oder Ost Bindungen ein Graus. Ich bewege mich täglich in ganz unterschiedlichen kulturellen Zusammenhänge und teile das Bild einer einheitlichen nationalen Kultur in keiner Weise. Irgendwas habe ich jetzt bestimmt noch vergessen.“

„Ahhhh, Sie können wieder Luft holen, Frau Müller. Ich habe es verstanden. Sie meinen den Dünnschiss von Herrn de Maizière zum Thema Leitkultur und seinen seltsamen Zehn-Punkte-Katalog! Warum regt Sie das nur so auf? Wir haben Wahljahr und das ist nichts Anderes als Wählerfischen am rechten Rand. Nichts Neues also, kein Grund zur Schnappatmung!“

„Danke, Sie sind heute ja richtig handzahm, Sir. Dafür bekommen Sie jetzt auch noch ein halbes Brötchen mit Marmelade und! einen extra Klacks Butter drunter.“ 

Grundlegendes

„Könnten wir uns darauf einigen, dass wir jedwede Form von nichteinvernehmlicher physischer und psychischer Gewalt, Demütigung, Respektlosigkeit und Erniedrigung ohne Wenn und Aber ablehnen, öffentlich verurteilen und aktiv als nicht gesellschaftsfähig ächten?“

„Ja.“
„Na, sag es schon. Ich höre das Aber doch quer durch deine Zellen rauschen.“

„Aber wenn dann so ein islamischer Fanatiker bei mir im Mietshaus aufschlägt, dann muss ich doch.“

„Ach ja? Und wenn dein Kumpel, der gestandene gute deutsche Bürger, so einem Flüchtlingskind die Bude überm Kopf abbrennt, dann musst du auch?“

„Na ja. Irgendwie ist das doch was anderes. Da geht es ja um mehr. Und er ist mein Kumpel!“

„Was verstehst du nicht an dem Satzteil - Ohne Wenn und Aber -?“

„Hallo, denkst du ich bin blöd? Ich verstehe das schon!“

„Könnten wir uns also darauf einigen, dass wir jedwede Form von nichteinvernehmlicher physischer und psychischer Gewalt, Demütigung, Respektlosigkeit und Erniedrigung ohne Wenn und Aber ablehnen, öffentlich verurteilen und aktiv als nicht gesellschaftsfähig ächten?“

„Ja.“


„Aber?“

„Na ja, …“

Allerlei 3

„Ihr Kinderlein kommet, oh kommet zu mir…“
„Ach, nehmen Sie jetzt auch Flüchtlinge auf, Frau Müller?
„Ihre Wahrnehmungsfilter sind eindeutig geschreddert, Herr XY!“
---

„Immer soll alles gut durchdacht und (selbst) kritisch hinterfragt werden. Okay. Aber manchmal, da sollte man auch einfach mal fünf gerade sein lassen und schlicht nur aus dem Bauch heraus handeln, den Verstand in Urlaub schicken und alle Sinne bis zum Abwinken mit neuen Eindrücken füttern.“
„Oh, Frau Müller, gehen Sie in den Abenteuerurlaub, auf Party, zu einem spontanen Blinddate oder gar in eine angesagte interaktive Ausstellung?“
„Nein, ich geh jetzt eiskalt duschen!“

„In 34 Tagen ist schon Wintersonnenwende. Dann werden die Tage wieder länger.“
„Und wen interessiert das, Frau Müller?“
„Mich, denn das ist das Hoffungsvollste im November überhaupt. Du musst bei dieser Angelegenheit nix machen, kannst es nicht ändern, kannst es nicht beeinflussen. Es geschieht ganz einfach. Es wird wieder heller, ob du willst oder nicht. Es gibt also wirklich Dinge, die der Mensch nicht kontrollieren, kaufen, korrumpieren kann. Ich finde das ausgesprochen ermutigend.“

„Sie hören doch als Therapeutin, zumal als Sexualtherapeutin, bestimmt eine Menge sehr privater Dinge. Erzählen Sie uns doch bitte heute einfach mal etwas sehr Intimes von sich, Frau Müller.“
„Ach? Das habe ich in meinen Büchern vor einigen Jahren doch schon getan. Intimer geht ja wohl nun nicht. Das langt für die nächsten drei Leben!“
„Nun, vielleicht etwas Aktuelles?“
„Na gut. Am Ende des Duschvorganges haue ich immer schon den Kaltwasserknopf übergangslos auf eiskalt. Früher habe ich das geräuschlos hingenommen. Seit einiger Zeit kreische ich dabei wie ein pubertierendes Mädchen, wenn der Wolf so unvermutet aus dem Gebüsch auf sie zuspringt. … Das ist wohl das Alter.“
„Ähm. Nun. Ja. Danke.“

„Schauen Sie, die Sonne blinzelt durch die Wolken, Frau Müller! Welch ein schöner Tag das werden kann.“
„Ne, der bekommt keine Chance heute auf schön zu machen.“
„Ach, mit dem falschen Bein aus dem Bett, oder so?“
„Nein. Aber es ist passiert.“
„Was denn?“
„Volle Kaffeetasse über Tastatur und Maus.“
„Sie tippen aber doch schon wieder.“
„Weil ich jetzt seit Stunden herum wische und trockne. Und alles klebt trotzdem noch.“
„So ein bisschen sportliche Betätigung am frühen Morgen tut Ihnen doch gut. Aber, Stopp!, es klebt? Nehmen Sie etwa wieder Zucker im Kaffee? Hatten Sie nicht gesagt?“
„So, und mit diesem Kommentar hat es der Tag nun endgültig verschissen. Ich hasse Sie!“
„Ich weiß. Ich lieb Sie auch.“
---

„Was trällern Sie denn da schon den ganzen Morgen vor sich hin, Frau Müller?“
„Die Kirschen in Nachbars Garten….“
„Ach, Sie mögen neuerdings Schlager?“
„Nöh, ich sah nur gestern die aktuellen Preise für dieses Sommerobst. Zwischen sechs und acht Euro kostet ein Kilogramm Kirschen aus Deutschland.“
„Ein Motivationssong also, verstehe.“

Kann man das aushalten?

"Kann man das auf Dauer aushalten? All das Elend und Leiden und all diese Schrecknisse und Ungerechtigkeiten und all diesen Mist. Diese Lügen, diese Verachtung, diesen Dreck. Tod, Krieg, Vertreibung, Folter, Völkermord, Hungersnot, Zerstörung? All das, was Menschen Menschen antun? Kann man das aushalten, ohne innerlich zu zerbrechen, zu verzweifeln? Ohne dass man zynisch, abgeklärt, kalt bis in die Haarspitzen wird? Kann man das?"

"Ja, natürlich kann man das! Weil da die andere Seite unseres Menschseins ist: Das Mitgefühl, die Liebe, die Verbundenheit, die Solidarität, die Barmherzigkeit, die Güte."

"Aber. Aber. Aber."

"Da gibt es kein Aber. Kein einziges. Punkt."

Kaffeesatz

„Frau Müller, was machen Sie da?“

„Ich lese meine Zukunft aus dem Kaffeesatz.“

„Das ist Unsinn.“

„Ich weiß, die wirkungsvollste Möglichkeit die Zukunft vorherzusagen, ist sie selbst zu gestalten. Unabhängig davon ist Ihre Frage noch unsinniger, denn Sie sehen ja, dass ich gerade frühstücke. Also könnten Sie auch gleich sagen, dass Sie was von mir wollen, anstatt so eine dusselige Smaltalkeinleitungsfrage für Anfänger zu stellen. Also, was wollen Sie?“

„Könnten wir, wenn Sie fertig sind mit Ihrem Kaffee, kurz über die anstehende Renovierung meines Kleiderschrankes reden?“

„Na also, geht doch! Und wie Sie sicher bemerkt haben, kann ich auch gut quatschen, obwohl ich ab und an dabei an der Tasse nippe.“

„Also gut, ich finde es ungeheuerlich, anmaßend und grenzüberschreitend, dass Sie die Renovierung ganz und gar ohne Einbezug meiner Person angesetzt haben! Ich bin empört! Immerhin ist das auch mein Zuhause!“

„Hallo! Ich frühstücke noch. Können wir das bitte nachher diskutieren?!“

Allerlei 2

„Ach komm, erzähl mir nix.“
„Ähm, ich hab doch noch gar nix gesagt.“
„Sag ich doch.“
---

"Geduld? Kommen Sie mir heute nur nicht mit Geduld."
"Aha, Frau Müller hat keine Zigaretten im Haus."
"Abhängigkeit ist, wenn man nicht mal mehr alleine zum Automaten kann."
"Ne, Frau Müller, das ist Sucht, eindeutig Sucht."
"Und Sie riskieren gerade Ihr Leben, eindeutig."
---

„Wenn ich das richtig sehe, wird das eine richtig heiße nächste Woche.“
„Oh, Frau Müller hat ein oder mehrere Dates?!“
„Ich rede vom Wetter, Sonnenschein, Temperaturen!“
„Nun, das eine schließt das andere ja nicht aus.“
 „Wo Sie recht haben, haben Sie recht. Reichen Sie mir doch bitte mal das Telefon und meinen Kalender rüber. Danke.“
---

"Frau Müller, Sie haben es aber gerade mal wieder mit dem ollen Hesse. Sind Sie nicht schon ein bissl zu alt dafür. Im pubertierenden Geschwange kann ich diese Vorliebe ja verstehen, aber mit über sechzig Jahren, da gibt es doch andere Autoren, die mehr zu bieten haben."
"Ganz im Gegenteil! Gerade jetzt, in diesen herben Zeiten, erquickt es meine Seele die Glasperlen durch die Finger laufen zu lassen und dem goldenen Mund zu lauschen. Einfacher: Es ist Labsal und wohlige Heimat noch einmal in seine verschachtelte Sprache hinab zutauchen und den sinnreichen Dialogen seiner Protagonisten staunend zu folgen. Es tut mir gut und es ermutigt mich. Darum."
---

„Ich hasse es, wenn man ich immer anguckt, als hätte ich mehr als eine Schraube locker.“
„So werde ich schon immer angeschaut, Frau Müller. Irgendwie macht mich das stolz.“
---

„Ich werde alt!“
„Stimmt, das werden Sie. So ab der Geburt etwa.“
„Boah, das ist nicht lustig. Ich habe gerade meine Plastikblumen gegossen. Das kann nur vom Altern kommen.“
„Frau Müller, da kann ich Sie beruhigen, das kommt nicht vom Altern, das ist ein Teil Ihrer Persönlichkeitsstruktur.“
---

„Ich werde heute gar nicht richtig wach!“
„Vielleicht würde es helfen Kaffee in die Kaffeemaschine zu machen und nicht an gezuckertem, heißen Wasser zu nuckeln, Frau Müller!“
„Oh nein, ernsthaft. Ich glaub es ja nicht. Habe ich nicht bemerkt.  Verdammt, ich bin ja soooo alt. Uralt. Fast schon mottig. Und wenn jetzt noch mal ein jugendlicher Pupser mich mit "Hey Alte" anmacht, dann werde ich ihn nicht wie bisher belehrend an die Wand nageln, sondern, ob seines unvermuteten Realitätsbewusstseins, heulend nickend in die Knie gehen.“
„Das hat nichts mit Ihrem Alter zu tun, Frau Müller. Sie sind einfach total verpeilt. Manchmal!“
„Aufpassen! Ich sagte ´jugendlicher` Pupser. Einen alten nagele ich immer noch!“
„Gerne doch. Jederzeit zu Diensten!“
„An die Wand, sagte ich, an die Wand. Das ist eine Metapher, Sie oller Lüstling.“

Magen

"Ich hab Magen/Darm."

"Yupp, die beiden hat jeder Mensch, Frau Müller."

"Ne, ich mein den Infekt!"

"Und was wollen Sie mir  damit sagen, Frau Müller?"

"Sonderzulage in Streicheleinheiten?!"

"Na, deswegen müssen Sie sich aber keinen nervenden Infekt zulegen, Frau Müller. Einfach nur sagen/fragen/nehmen hätte auch genügt, Sie Dummerchen." 

"Ich könnt natürlich auch jemanden hauen. Da Magen ja eindeutig psychosomatisch ist, verweist vielleicht dieser Schmerz auf einen Mangel an irgendwas. Oder auf einen Überschuss verdrängter Gefühle, die endlich ein Ventil brauchen?"

 "Sie könnten sich natürlich auch einfach eingestehen, dass Sie sich schlichtweg seit Monaten überfordern, Frau Müller, und dass Ihr Körper einfach mal die Notbremse zieht, da Sie ja seinen vernünftigen Argumenten nicht zugänglich waren.“

"Boah, kommen Sie mir jetzt nur nicht so!"

Bargeld

„Ich bin altmodisch und mich erschreckt die Vorstellung, dass ich nicht mehr mit Bargeld bezahlen könnte. Ich traue keiner Bank und ich lass keinen Cent dort rumliegen.“

„Aber, aber, Frau Müller, das betrifft Sie doch gar nicht!“

„Stimmt, ich habe noch nie in meinem Leben eine Summe von 5000,-- Euro auf dem Konto oder in meiner Hand gehabt.“

„Na, sehen Sie. Also nichts zum Aufregen.“

„Natürlich reg ich mich auf. Damit fängt es an. Erst sind es diese Beträge und die eins, zwei und fünfer Münzen und irgendwann ist es alles. Wenn ich es richtig verstehe, dann fänden die Banken es doch toll, wenn es überhaupt kein Bargeld mehr gäbe. Die Abhängigkeit wäre absolut. Wir werden da langsam hin geführt, Schritt für Schritt. Und wenn wir den ersten ohne Widerstand gehen, dann gehen wir auch den nächsten und den übernächsten.“

„Ach, Sie regen sich immer über ungelegte Eier auf, Frau Müller.“ 

„Es bleiben eben Eier, so oder so. Und irgendwann wollen die alle gelegt werden. Das haben Eier so an sich.“

Humor

„Was rennen Sie denn den ganzen Morgen schon so hektisch in der Wohnung rum, Frau Müller?“

„Ich such was.“

„Was suchen Sie denn?“

„Meinen Humor. Ich such meinen Humor. Hab ihn wohl verlegt. Ich brauch ihn aber. Denn nur mit Humor kann man so viel unsäglich Unerträgliches ertragen.“

„Räuspern Sie sich mal ganz kräftig. Er ist Ihnen vielleicht im Halse stecken geblieben.“

- räusperräusperwürgräusperkotz -

„Hach, da ist er ja der Schlingel! So, jetzt such ich mit ihm gemeinsam mal nach nem Knaller von Witz. Und dann lachen wir all den Despoten und Schlächtern mal so richtig dreckig ins Gesicht!“

„Es wird sie nicht wirklich jucken, Frau Müller.“

„Oh doch. Nicht sofort, klar. Sie werden arrogant nicht mal mit der Wimper zucken und sich abwenden. Doch mit dem Lachen und dem Humor ist es wie mit so einem heimtückischen Parasiten. Du bemerkst ihn erst nicht. Er schleicht sich ein, frisst sich durch Zellen und Gewebe. Und wenn es dich dann irgendwann juckt, dann bist schon so gut wie tot.“

„Na, ich weiß ja nicht.“

„Doch, diese Art von Menschen hassen zwei Dinge auf der Welt am meisten: Ignoriert und ausgelacht zu werden. Gegen das IgnoriertWerden setzen sie die Gewalt, dann muss man sie wahrnehmen. Gegen das Lachen, gegen das Lachen haben sie letztendlich keine Waffen. Es fegt sie schlicht hinweg. Das Lachen, die Liebe und die unverbrüchliche Solidarität der Menschen sind die Felsen in der Brandung, an denen sie zu guter Letzt  alle zerschellen werden.“

„Frau Müller, Sie sind schon ein klein wenig naiv!“

„Nöh, ich hab Humor und rüste ihn gerade auf.“ 

Honigkuchenpferdchen

"Bei so vielen Kontakten in der Liste bekomme ich nicht alles von den einzelnen Menschen hier mit. Ich freue mich deshalb immer wie ein Honigkuchenpferdchen über jede persönliche Anmerkung im privaten Chat."

"hihihi"

"Was gibt es da zu lachen? Ich meine das ernst."

"Honigkuchenpferdchen, Frau Müller. Sie und ein Honigkuchenpferdchen. Ich lach mich schlapp. Wenn ich Sie so betrachte, dann wäre Ackergäulchen doch eher passend."

"Nun Sir, wie Sie meinen. Ein Ackergaul ist allerdings ein fleißiges Pferd, mit vielen Aufgaben. Abendessen für einen depperten Kerl zuzubereiten, das gehört allerdings nicht zu seinem Arbeitsbereich. Ich geh jetzt chillen. So nach getaner Arbeit. Ackergäule haben nämlich einen Tarifvertrag. Die Zutaten für ihr Abendbrot finden Sie im Kühlschrank und in der Speisekammer."

"Aber..."

"Ich an Ihrer Stelle wäre jetzt ganz, ganz still. Man weist mich ja in Kommentaren zu meinen Beiträgen immer wieder darauf hin, dass auch Frauen häusliche Gewalt ausübten. Ein Wort jetzt noch von Ihnen und ich lasse die entsprechende Statistik nach oben explodieren."


Anmerkung (anscheinend notwendig)
Das ist ein fiktiver Dialog. Das ist kein Aufruf, kein Gutheißen, keine Rechtfertigung für häusliche Gewalt! Ja, ich lehne nichteinvernehmliche Gewalt grundsätzlich ab. Es besteht also kein Grund zur Sorge um diesen Mann und ein Anruf bei der 110 ist nicht notwendig. Ich wollte auch weder Honigkuchenpferdchen noch Ackergäule beleidigen, erniedrigen oder diskriminieren. Und gegen Gewerkschaften und Statistiker habe ich auch nichts. Na ja, fast nichts. Ich neige auch nicht zum Terrorismus, bloß weil ich das Wort "explodieren" benutzt habe. Irgendwas oder jemanden vergessen?